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: Mit armen Rittern im Flattersatz

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Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit: Morphologisch ließe sich die Trikolore der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts so erfassen: drei Generationen, drei Missionen. Sieht man in der Klassischen Moderne zunächst die literarischen Freiheiten verwirklicht, in der sozial engagierten Nachkriegsmoderne ...

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          Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit: Morphologisch ließe sich die Trikolore der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts so erfassen: drei Generationen, drei Missionen. Sieht man in der Klassischen Moderne zunächst die literarischen Freiheiten verwirklicht, in der sozial engagierten Nachkriegsmoderne dann eine kulturelle Verbrüderung am Werk, so blieb den Post-Literaten nur die unpathetische Haltung der Egalität, die sie im landläufigen Sinn von "egal" interpretierten. Und in der Tat kultivierte die ausgehende Popmoderne kein anderes Gefühl ähnlich intensiv wie das der gehobenen Langeweile. Die Alltäglichkeit des eigenen Erlebens garnierte man nicht selten mit Ironie. Es brauchte seine Zeit bis zur Entdeckung erzählerischer Gelassenheit. Es brauchte Judith Hermann, bis aus der Gelassenheit ein Bestseller wurde.

          Maike Wetzels verknappte Sprache ähnelt der Prosa ihrer erfolgreicheren Kollegin. Auch geht es hier wie dort um Observationen der Nahwelt, die im Gestus unbestechlicher Ehrlichkeit notiert werden. Doch Wetzel ist konsequenter. Den früheren Vorwürfen eines allzu simplen Stils begegnet sie in "Lange Tage", ihrem zweiten Erzählband, trotzig mit nochmaliger Reduktion der Grammatik auf syntaktische Nuklide nach dem SPO-Prinzip. "Meine Schwester ißt nicht. Wir wissen nicht, warum. Ihre Haut knittert auf den Knochen. Meine Mutter ist verzweifelt, mein Vater beherrscht sich." Auf ähnliche Weise spinnen - oder besser: robben - sich alle Erzählungen fort. Wir wissen nicht, warum.

          Der Verlag teilt mit, Maike Wetzel, Jahrgang 1974, schreibe "mit der Stimme ihrer Generation". Und diese Generation Minigolf kennt augenscheinlich nichts anderes als Hauptsätze, aber erlebt vor allem Nebensachen, schöne mitunter. Die extreme Parataxe sorgt hierbei für eine Atmosphäre zwingender, aber leerlaufender Apodiktik: "Wir gingen in die Küche. Gudrun saß dort. Es war dunkel. Ein Bus fuhr unten auf der Straße vorbei." Aus solcher Banalität entwickelt sich in "Arme Ritter" immerhin das geheimnisvollste Szenario des ganzen Buches. Jene Gudrun nämlich, welche die beiden in Wir-Perspektive erzählenden Zwillinge bei sich aufgenommen hat, wird von diesen sukzessive aus ihrem eigenen Haus verdrängt. In den meisten Erzählungen geschieht weniger: Menschen verlieben sich, ohne es zu bemerken, Mutter und Großmutter streiten um das Sorgerecht, ein Mädchen beobachtet den idealtypischen Verlauf der Magersucht, eine Schulklasse besucht einen Frauenarzt, die Schauspielschülerin Enna vermischt Spiel und Realität.

          Einziger Fixpunkt bei all den kleinen und kleinsten Begebenheiten bleibt das gelangweilte Ich, das alle Vorstellungen begleitet: "Ich sah es an seinen Wangen"; "Ich höre meine Schwester hinter der Wand an der Heizung liegen"; "Ich schmecke das Aluminium in der sprudelnden Flüssigkeit." Mancher Satz aber schließt nicht dort an, wo der vorige endet. In solchen Lücken zwischen zwei Anläufen verbirgt sich das Überraschende: "Sie fühlte ihre Knochen splittern, ihr Blut spritzte gegen die Aufsichtskabine der Stationswacht. Jedes Mal, wenn sie am Bahnsteig wartete, sah sie diese Szene vor sich, so auch jetzt."

          Mit dem Unerwarteten spielt auch die Erzählung "Zeugen". Die Ich-Erzählerin berichtet, wie sie ihrem Freund Laurenz davon erzählt, mit Marcel, einer Jugendliebe, einen Autounfall beobachtet zu haben, wobei ihr wiederum Arslan, eine weitere Liaison, tot vor die Füße geschleudert wurde. In der doppelten Geständnissituation ergänzen sich nach und nach die Details, stellt sich zwischen lapidaren Mitteilungen heraus, wie verwoben die Zeugin in das Geschehen ist, nachgetragene Einschübe geben dem früher Berichteten eine neue Wendung. Obwohl einsträngig wie alle Geschichten aus "Lange Tage", entbehrt diese Verschachtelung der Chronologie nicht einer gewissen narrativen Raffinesse.

          Für das treffende Ambiente der Geschichten sorgt ein ganzes Arsenal an Achtziger-Jahre-Brimborium, vom Adidas-Rucksack über großmütterliche Heizdecken, Neon-Schweißbänder und Tanzstunden-Disko bis hin zu "Klaus und Klaus'" rammdösiger Ode an die Nordseeküste. So genau möchte man es meist gar nicht wissen. Unerbittliche Ehrlichkeit aber ist Wetzels poetologisches Programm, das sie sogar typographisch einlöst: Entgegen dem üblichen Blocksatz-Geklotze verwendet sie für ihre Flattersätze den unverzerrten Flattersatz, bei dem die rechte Seite eigentümlich zerfranst wirkt, wie herausgerissen.

          Trägt bei aller sprachlichen Prägnanz ein solches narratives Stakkato einen ganzen Erzählungsband? Man könnte versucht sein, darin ein Überbleibsel aus der finalen Dekadenzdekade des vorigen Jahrhunderts zu sehen. Aber wer wollte bei Generationenbeichten mit der ästhetischen Elle messen. Kurz ist die Prosa, lang der Tag: mit anderen Worten, hier war noch Sommer. Schon der Titel zeigt es also an: Wetzels Buch ist offensive Ferienlektüre, ein wenig nostalgisch, aber nicht wehmütig. Ernstgemeinte Kurzweil, leicht bekömmlich, gut gemacht. Und das ist, Fräulein hin, Wunder her, ein willkommenes Vergnügen. Denn nicht immer hat die Literaturgeschichte das letzte Wort zu haben.

          Maike Wetzel: "Lange Tage". Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 192 S., br., 10,- [Euro].

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