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Krimiautor Mirko Zilahys : „Dem Leser soll schlecht werden“

  • -Aktualisiert am

Weit und breit keine Schönen und Reichen: Das Gasometer in Testaccio, dem Schauplatz von Mirko Zilahys Debüt Bild: Mauritius Images

Hier droht der Krebs: Mit seinem Debüt „Schattenkiller“ lässt Autor Mirko Zilahy aufhorchen. Eine Tatortbegehung in Roms gottverlassenem Glasscherbenviertel Testaccio.

          Während am Ufer des Tibers zwischen angeschwemmten Ästen zwei Ratten um ein Stück Vogelaas streiten, wartet Mirko Zilahy oben auf der Industriebrücke. „Komm schnell, bevor es dunkel wird. Ich zeig dir meine Welt.“ Die „Ponte dell’industria“ verbindet sein Wohnviertel auf Höhe der alten Seifenfabrik am Westufer mit Roms „Little Manchester“. Das ist ein besonders trostlos erscheinendes Viertel von Industrieruinen, wenn letzte Sonnenstrahlen ihre Schatten werfen: am Ufer das alte Pumpenhaus, wo einst das Wasser in Speichertanks geleitet wurde. Daneben stumme Baracken und verlassene Fabrikgebäude. Dort war mal die Großschlachterei. Und bis heute ein Flusshafen- und Zollamt, auch wenn die Zeiten längst vorbei sind, als hier Öl und Getreide vom Mittelmeer über Ostia tiberaufwärts geliefert wurden und aus den zerbrochenen Ölamphoren die Scherbenhalde von Testaccio wuchs.

          Das war nämlich noch, als im ersten Jahrhundert das Kolosseum am Forum eine neue Attraktion war. Dagegen wurden in diesem Teil des heutigen Roms niemals Marmor und Travertin verbaut. Stattdessen Ziegel, Zement und Asbest. Und mittendrin thront das nackte Stahlgerüst des Gasometers, das Kolosseum des zwanzigsten Jahrhunderts. Mirko schiebt das Fahrrad an einem streunenden Köter vorbei: „Dieser verrottende Koloss, der größte von vier, wurde Mitte der Dreißigerjahre errichtet. Damals begann hier Roms Gasunternehmen, Methan für die Straßenbeleuchtung und die Industrie zu erzeugen.“ Man habe hier Lebenslängliche aus dem Gefängnis Regina Coeli arbeiten lassen, die ohnedies ohne Hoffnung und so wenigstens außerhalb der Zelle nützlich waren. Bis heute sei an manchen Stellen der Boden verseucht, sagt Mirko Zilahy: „Hier droht der Krebs.“ Es gebe viele, die ihre todbringende Krankheit darauf zurückführten, dass sie einst in „Little Manchester“ lebten und arbeiteten.

          Morde im edelsten Hochitalienisch

          Mirko führt durch den Schauplatz seines ersten Romans einer Trilogie, in der der unwirsche Kommissar Enrico Mancini die Ermittlungen leitet. Eigentlich will dieser Profiler mit der Welt nichts mehr zu tun haben; deswegen trägt er Handschuhe. Eigentlich will Mancini nur noch einen, den „eigenen Fall“ lösen, nämlich das Verschwinden jenes Arztes, der vergeblich versucht hatte, seine Frau vor dem Krebstod zu bewahren. Aber dann kann sich der Spezialist für Serienkiller dem Auftrag nicht mehr entziehen, eine Reihe von Morden aufzuklären, bei denen der Täter seine Opfer irgendwo aufgreift, irgendwo tötet, um sie dann in diesem von Gott verlassenen Quartier zu offenbaren; ein Holocaust nach dem anderen: Ganzopfer nach klassisch-griechischer Manier.

          Mirko Zilahy

          Was Mancini und sein Team erst herausfinden müssen, erfährt der Leser sofort. Allerdings besonders eindrücklich nur, wenn er das italienische Original „È così che si uccide“ (So bringt man sich um) liest. Der Täter und seine Morde werden nach Dante-Art im edelsten Hochitalienisch vorgestellt. In der deutschen Übersetzung wird nicht so klar, wie gebildet dieser Mörder sein muss, der seine Opfer auf grausame Art hin- und zurichtet und dabei nach einem zunächst unklaren Protokoll verfährt.

          Verseuchter Kunstraum

          Überhaupt zeichnet Mirko Zilahys Sprache den „Schattenkiller“ aus. Sie verführt in die Welt von Charles Dickens, wenn er diese dunklen Plätze in „Little Manchester“ beschreibt. Stimmungen und Gerüche wie bei Mark Twain; Szenen und Bilder wie bei James Joyce. „Der Leser soll nicht nur lesen; er soll hören und riechen. Ihm soll schlecht werden“, sagt der 1974 geborene Zilahy, ein promovierter Literaturwissenschaftler, der einige Zeit am Trinity College in Dublin lehrte. Mittlerweile hat sich Zilahy einen Namen als Übersetzer englischsprachiger Literatur gemacht; den „Distelfink“ („Goldfinch“) der Amerikanerin Donna Tartt übertrug er jüngst. Spätestens beim Nachwort des Autors merkt der Leser, dass er ein wohlkomponiertes Buch verschlang. Aber bei aller Distanz, die Mirko Zilahy vortäuscht, ist dieser Roman doch auch persönliche Rache: „Die einzige, die ich vollziehen konnte. Die einzig nötige“, wie er schreibt.

          Mirko Zilahy: „Schattenkiller“. Thriller. Aus dem Italienischen von Katharina Schmidt und Barbara Neeb. Lübbe Verlag, Köln 2016. 430 S., br., 15,- €.

          Zilahy hat das Fahrrad vor einem Pub abgestellt, in dem einst auch so eine Fabrik untergebracht war. Längst ist es dunkel und Zeit für ein Bier. In den letzten Jahren wird „Little Manchester“ aufgehübscht: In jenem alten Schlachthof nahm das Museum für Gegenwartskunst Macro Quartier. Studenten und Künstler haben die Arbeiter von einst abgelöst. Theateragenturen und Internetfirmen ziehen in die Erdgeschosse, Schauspieler in Lofts mit schönem Blick auf den Tiber oder Sankt Paul vor den Mauern.

          Literarische Rache

          „Dabei bleibt für mich dies Viertel der Tatort, wo böse Mächte ein Leben plötzlich packen.“ Mirko Zilahy denkt an den vergifteten Industriemüll, an radioaktiv verseuchte Abfälle. Während Zilahy dann über Kommissar Mancini spricht, der nach dem Krebstod seiner Frau wie gelähmt erscheint, redet er doch eigentlich über seine Mutter. Auch sie war in den neunziger Jahren, als man noch wenig über den fast schmerzfreien Tod wusste, jämmerlich an Krebs gestorben; und er musste als der Älteste mit zwei jüngeren Schwestern und ohne Vater dem Todeskampf der Mutter wehrlos zusehen.

          „Was ist das für eine Gerechtigkeit“, fragt Zilahy, „wenn du neben dem dir liebsten Menschen stehst und nichts, nichts tun kannst, um dieses Leiden erträglicher zu machen? Da möchtest du dich nur noch rächen.“ Und sei es mit diesem Buch.

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