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Mirko Bonné: Wie wir verschwinden : Die Maschine des großen Verschwindens

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Bonné gelingt es immer wieder, die „vergrübelte Düsternis“ in Raymonds „Kummermuseum“ durch lebenskluge Gedanken und Geschichten aus dem Mikrokosmos der französischen Provinz aufzuhellen. Beiläufig und bedächtig verschränkt er das große Verschwinden Camus’ mit den kleinen Fluchten seiner jugendlichen Schüler und führt die beiden unsterblich verfeindeten Jugendfreunde auf Umwegen und Nebenstraßen schließlich ohne falsche Sentimentalität wieder zusammen. Am Ende kommt die Maschine des Verschwindens, die so lange auf dem toten Gleis stand, noch einmal in Fahrt. Die in Superzeitlupe gedehnte Erzählung von Camus’ letzten Sekunden, die Maurice seinen Briefen beilegt, lösen Hemmschuhe und Bremsklötze in Raymond; seine neue Freundin Robertine setzt ihn behutsam aufs richtige Gleis. Widerstrebend und misstrauisch beginnt er seinen alten Groll zu überwinden.

Kriegsbeil begraben

Als er ihm in Auvers-sur-Oise (wo auch van Gogh begraben liegt) schließlich gegenübertritt, kann Maurice nicht einmal mehr sprechen: Das Zucken der Lidmuskeln ist das Morsealphabet des gelähmten Autors, das nur noch ein Liebender nachbuchstabieren kann. Delphines Sohn liest seinem Stiefvater mit einer Wunderbrille von den Augen ab, was noch zu sagen ist. Es ist nicht mehr viel, aber genug, um, ganz im Sinne Camus’, das Kriegsbeil zu begraben: Das Leben mag sinnlos sein, aber man darf es nicht wegwerfen. Die Leere hält niemand alleine aus; man tut gut daran, „seine stärkste Wache am Tor zum Nichts aufzustellen“ und auf den Beistand von Freunden nicht zu verzichten. So gelingt das Wiedersehen, das sich Raymond nur als Zusammenstoß zweier Züge vorstellen konnte, wider Erwarten doch: als erinnernde, verzeihende Vergegenwärtigung geteilten Leids und gemeinsam erfahrener Absurdität. „Der Tod setzt allem eine Grenze, nicht aber dem Erzählen.“

Mirko Bonnés Gedichte und Romane sind schon viel gelobt worden, aber er wird immer noch nicht gebührend geschätzt. In „Wie wir verschwinden“ erzählt er so ruhig und gelassen von der Kunst des Lebens und Sterbens, vom Umgang mit Trauer und Schuld, dass das ernste Thema alles tragische Pathos verliert. Sein Roman ist nicht frei von Längen und altersweiser Behäbigkeit, aber auch voll französischer Leichtigkeit und Esprit. Der melancholische Zauber der Provinz im Dreieck zwischen Villeblin, Versailles und Auvers erinnert an Françoise Sagans „Bonjour Tristesse“, die prekäre Dreiecksbeziehung an Truffaut-Filme, das Plaudern in lauen Sommernächten an Eric Rohmer. Raymond, der schwermütige stille Brüter, ist eine durchaus deutsche Figur. Aber wie die beiden Jungexistentialisten durch den Tod ihres Idols getrennt und wieder zusammengeführt werden, auf der Suche nach der verlorenen Zeit traurige Chansons im Autoradio hören und geistreich-elegant Aristoteles, Lully, Nabokov, Einstein und andere Bildungshelden beschwören: Das macht Bonné zum wohl französischsten Autor in der neueren deutschen Literatur.

Glücklicher Sisyphos

Raymond hat den „Mythos des Sisyphos“ nie gelesen, aber am Ende muss man sich ihn als glücklichen Menschen vorstellen. Der leidgeprüfte, mit seinem Schicksal hadernde Frührentner hat den Stein, unter dem seine Jugendträume begraben liegen, so beharrlich um und um gewendet, bis er zuletzt doch noch ins Rollen kam. Leben war für Camus Bewegung, Neugier, Offenheit und reine kinetische Energie, Tod dagegen Stillstand und Unbeweglichkeit. Im selben Maße, wie Maurice bewegungslos verdämmert, kehrt sein verlorener Zwillingsbruder bewegt aus der Totenstarre der Resignation ins Leben zurück. Das Unglück des einen ist das Glück des anderen; aber spätestens im Tod werden die getrennten Hälften eines absurden Schicksals wieder eins.

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