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Mircea Cartarescu: Der Körper : Monolith im Affenstaat

  • -Aktualisiert am

Bild: Zsolnay Verlag

Literatur als Labyrinth: Mircea Cartarescus eigensinniger Roman „Der Körper“ wagt ein biochemisches Experiment mit den Mitteln der Sprache.

          Dieses Buch ist so unvermittelt zu uns gekommen wie der Monolith aus „2001: A Space Odyssee“ zu den gaffenden Uraffen. Das macht es für die Kritik zu einem nur schwer zu ermessenden Fund. Kann ein Artefakt, das zwar aus dieser Welt stammt, offenbar aber lange schon nicht mehr von dieser ist, vor unserem weltlichen Gericht bestehen?

          In diesem Herbst ist der zweite Teil der dreibändigen Orbitor-Trilogie des Rumänen Mircea Cartarescu in Deutschland erschienen. Insgesamt umfasst das zwischen 1997 und 2007 verfasste Werk mehr als eintausendfünfhundert Seiten. Über ein Drittel davon enthält allein „Der Körper“, dessen Titel Programm ist, handelt es sich doch um ein biochemisches Experiment auf literarischem Boden. Froschtümpelartig blubbert es vor sich hin, wenn der Erzähler seinen Helden namens Mircisor Cartarescu ins kommunistische Bukarest zurückversetzt.

          Im metaphysischen Gemischtwarenladen

          Wie bereits im ersten Band ist die Ausgangsposition dieser metaphysischen Ich-Erkundung ein Bettkasten im ehemaligen Kinderzimmer. Von einem sozialistischen Wohnblock im Ceausescu-Format blickt Mircisor noch immer hinunter auf die Stefan-cel-Mare-Chaussee mit ihren purpurnen Sonnenuntergängen, den wirr verknoteten Stromkabeln, der rumpelnden Straßenbahn und den „kubistischen Häusern aus der Zwischenkriegszeit“. Unter diesem Blick weitet sich der Raum wie in einem Spiegelkabinett in immer neue Fluchten eines vergangenen, eines gegenwärtigen und eines zukünftigen Lebens. Cartarescu selbst spricht bereits auf Seite zwölf von einem „Aleph in alephter Potenz“. So liegt es nah, den Bettkasten, auf dem inzwischen ein junger Erwachsener Posten bezogen hat, mit Borges’ Erzählung über das „Aleph“ kurzzuschließen. Es handelt sich dabei um einen Punkt im Keller eines blasierten Schriftstellers, von dem aus Raum und Zeit zu einer Einheit verschmelzen, zu einem Überauge, einem hypersensiblen Sinnesorgan, dessen Nervenenden unmittelbar in den Kern des Weltgeschehens vordringen. Weil Größenwahn und Höhenrausch konstitutiv für diese Prosa sind, wird Borges’ Hypervision souverän in „alephter Potenz“ übertrumpft.

          Was man indes über die Größe des 1956 in Bukarest geborenen Mircea Cartarescu mit Fug und Recht behaupten kann: Er ist der avancierteste und darin sicher wichtigste Autor des postkommunistischen Rumänien. Im Ausland ist er bereits mit Joyce, Proust und Pynchon verglichen worden. In seiner rumänischen Heimat, so giftete Cartarescu vor ein paar Jahren, nur mit drittklassigen Kollegen. Tatsächlich ist das Werk dieses Autors, der vor etwa zehn Jahren mit seinem Erzählungsband „Nostalgia“ in Deutschland kurz bekannt wurde, eine Klasse für sich. Das erkennt man unter anderem daran, dass die Kritik für seine körperreiche Sprache, die exaltierten Manierismen, seinen metaphysischen Gemischtwarenladen, die erzählerischen Wundertüten, Räuberpistolen und neurologischen Metaphern noch nicht die richtigen Begriffe gefunden hat. Doch das spricht am Ende ja eher für als gegen das Werk.

          Ein Kosmos, der pulsiert und zuckt

          Bei der Orbitor-Trilogie, was übersetzt „blendendes Licht“ heißt, handelt es sich nämlich um eine Literatur in Bildern. Cartarescu arbeitet sich im Steinbruch seines Unbewussten ab, fördert Albträume, Halluzinationen und Phantasmagorien ans Tageslicht. Großartige Passagen saugen den Leser in Lupanarien, wie sie Hieronymus Bosch nicht besser in seinen „Garten der Lüste“ hätte hineinmalen können. So führt uns eine Episode zur Glaubensgemeinschaft der Skopzen, die im Schwitzbad sündig werden und in der Selbstentmannung Vergebung, Erleuchtung und schließlich jede Menge Nachahmer finden.

          Stand im ersten Band die numinose Sekte der „Wissenden“ im Mittelpunkt, so führt Cartarescu seine Leser nun direkt hinein in einen sprachlichen Kosmos, der pulsiert und zuckt, der alle Geschichten, Erinnerungen und zuletzt das Buch gewordene Manuskript des Helden in sich trägt und sich unter dem Blick des Lesers neu zusammensetzt.

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