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Romandebüt von Miranda July : Surrealer Sex mit vierzig Jahren

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Eleganz spielt bei ihr eine große Rolle, täuscht aber auch über manche Abgründigkeit hinweg: Miranda July. Bild: Julien Chatelin/laif

Nicht heroisch oder kosmisch sollte der Liebesakt sein, sondern surreal und unkompliziert. Eben so wie in Miranda Julys immer besser werdendem Roman „Der erste fiese Typ“.

          Die erste Überraschung dieses vollständig überraschenden Romans ist eine Enttäuschung. Sie ereignet sich gleich auf der dritten Seite. Dort erfahren wir, dass Cheryl Glickman, die Protagonistin der nächsten gut dreihundert Seiten, an dem Globussyndrom leidet, einer Erkrankung, bei der Patienten sich einen riesigen Kloß im Hals einbilden, was zu Schluck- und Atemproblemen führt. Außerdem lesen wir, dass Cheryl Glickman Anfang vierzig ist, von der Figur her birnenförmig, dass sie eine knollige Nase hat, Holzketten trägt und flache Schuhe. Es gibt viele Gründe, einen Roman zu lesen, und Außenseiter sind ein beliebter Stoff. Dass aber diese Person ausgerechnet aus dem Miranda-July-Kosmos kommen soll, scheint auf den ersten Blick ganz und gar unglaubwürdig. Es ist in etwa so, als wäre man Zuschauer in einem prächtigen Theater, der Vorhang geht auf, eine glitzernde Treppe steht auf der Bühne, angeleuchtet von Scheinwerfern. Und plötzlich purzelt die Stufen eine kleine rundliche Frau in geschmackloser Kleidung hinunter - eben Cheryl Glickman.

          Um diese Fallhöhe zu verstehen, muss man wissen, wer Miranda July ist. Geboren 1974, hat sie bereits Filme gedreht, Performances aufgeführt, Musik eingespielt, eine App entwickelt und Kurzgeschichten geschrieben. Dafür wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, ihre Kunst war auf der Biennale in Venedig zu sehen und im New Yorker Museum of Modern Art. Ins Zentrum stellt sie häufig eigenwillige Personen. Ihr Blick gilt den Unzulänglichkeiten und Missverständnissen, die so ziemlich allen Menschen unterlaufen, wenn sie mit anderen kommunizieren oder es versuchen. Der Miranda-July-Kosmos ist also keine reibungslose Welt. Ihr Knarzen fiel aber deswegen weniger auf, weil sie trotz allem meistens schön anzusehen ist. Stil und Eleganz spielen eine große Rolle, schon deshalb, weil die Künstlerin und Schriftstellerin häufig selbst darin auftritt. Mit dem Modelabel Miu Miu kooperiert sie bei ihrer App, ihr Roman wurde per Twitter von der Sängerin Lorde empfohlen, von Dave Eggers per Blurb auf dem Umschlag. July und ihr Kreis besitzen jene Flamboyanz, um die man amerikanische Intellektuelle beneiden kann - von Truman Capote über Susan Sontag bis zu Joan Didion.

          Die zweite Überraschung ist ein Geschenk

          Davon ist in diesem Romandebüt aber nichts zu spüren. In einem Interview (F.A.S. vom 8. März) sagte July, sie habe beim Schreiben der Gedanke befreit, „dass ich niemanden in diesem Buch spielen könnte“. Cheryl Glickman arbeitet in einer Agentur, die ihr Geld vorwiegend damit verdient, Selbstverteidigungskurse für Frauen als Fitness-DVDs zu vertreiben. Das Ehepaar, das die Firma gegründet hat, ist nicht nur verrückt, sondern auch selbstgerecht und übergriffig, in jeder Hinsicht also unliebenswert. Verliebt ist Cheryl in Phillip, einen mehr als zwanzig Jahre älteren Mann, von dessen hartnäckigem Fußpilz gleich zu Beginn die Rede ist. Die Tochter ihrer Arbeitgeber wiederum ist zwanzig Jahre jünger als Cheryl. Sie heißt Clee, zieht gegen Cheryls Willen bei ihr ein und wird als blondes, braungebranntes Busenwunder beschrieben. Allerdings: Clee ist zwar schön, aber unfreundlich, sogar gewalttätig, sie hat ebenfalls Fußpilz, der noch dazu stinkt.

          Nach etwa dreißig Seiten stellt sich die Frage, warum es irgendwer mit diesen Figuren aushalten soll. Nach zehn weiteren Seiten kommt sogar der Verdacht auf, dass alle diese Idioten von der Autorin losgeschickt worden sein könnten, um wirklich lebende Menschen zu beleidigen, denen sie ähneln und die sich nun als blödsinnige Karikatur in einem Buch wiederfinden müssen. Aber dann ändert sich alles, als Cheryls und Clees Beziehung eine merkwürdige Wendung nimmt.

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