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Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte : Fenster ohne Aussicht

  • -Aktualisiert am

Bild: Wagenbach Verlag

Milena Michiko Flašars beklemmendes Kammerstück „Ich nannte ihn Krawatte“ ist die Chronik des Leidens zweier Menschen, die sich im unter seiner Modernität leidenden Japan selbst verloren haben.

          Im Japanischen hält man für „Tod durch Überarbeiten“ eigens ein Wort bereit: Karoshi. Das ganze moderne Leben ist darin verdichtet, die Überstunden, der tägliche Druck, die Suche nach Entlastung während vieler Trinkgelage nach Arbeitsschluss. Und wenn es stimmt, dass Sprache die Gesellschaft abbildet, wird man auch vor einem anderen Wort erschrecken müssen: dem Hikikomori. So werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich weigern, das Haus ihrer Eltern zu verlassen. Sie starten erst gar nicht ins Arbeitsleben oder brechen früh daraus aus. Leistungs- und Anpassungsdruck lasten zu schwer. Sie schließen sich in ihre Zimmer ein und werden von der Familie versorgt, oft sogar nach außen verschwiegen, weil die Angst vor Stigmatisierung groß ist. Auf Nachfrage von Nachbarn heißt es dann, der Sohn sei im Ausland. In Japan gibt es für dieses Phänomen des Rückzugs in die Isolation längst nicht mehr nur ein Wort, sondern auch Statistiken und große Dunkelziffern, erfährt man aus dem Glossar zu Milena Michiko Flašars Roman „Ich nannte ihn Krawatte“. Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters, verleiht die Zweiunddreißigjährige einem solchen Hikikomori in ihrem neuen Buch eine Stimme.

          Nach zwei Jahren verlässt er zum ersten Mal sein Zimmer. Lange kennt man nicht mal seinen Namen. Er ringt um Wörter. „Ich bin ein zugedrückter Mensch“, sagt er, und: „Ich kann nicht mehr.“ Die ersten Schritte fühlen sich an wie Freigang nach langer Haft. Draußen stößt ihn jemand versehentlich an, und er muss sich sofort übergeben - zu viel Körperlichkeit und Lautstärke um ihn herum. Die Bank im Park, auf der er sich niederlässt, wird in den nächsten Tagen und Wochen sein Stammplatz. Von hier aus kann er alles überblicken, ohne selbst aufzufallen. Ihm entgeht auch nicht der viel ältere Mann auf der Parkbank vis à vis. Er trägt Anzug und Krawatte und besucht wie Taguchi selbst täglich den Park. Auch für ihn hält das Japanische eigens ein Wort bereit: Er ist ein „Salaryman“, ein typischer Firmenangestellter in Anzug und Krawatte. Seine Arbeit aber hat er verloren. Seitdem vertreibt er sich die Zeit im Park, um punktgenau wie all die Jahre davor zum Arbeitsschluss nach Hause aufzubrechen. Seine Frau nämlich weiß nichts. Er wagt es nicht, ihr die Wahrheit zu sagen.

          Wie Milena Michiko Flašar diese beiden Menschen einander sich annähern lässt, ist von großer Zartheit. Erst ist es nur der Wind, der den Rauch der Zigarette zu Taguchi herüberweht. Dann knüpft man mit knappen Worten erste Bande, und irgendwann entspinnt sich tatsächlich eine kleine Konversation zwischen den beiden Einzelgängern, aus der im Laufe der Zeit eine lange Unterhaltung wird. Man taucht in dunkle Vergangenheiten und erfährt, warum beide so sind, wie sie sind.

          Effektvolles Erzählen trotz stilistischer Anfängerfehler 

          Milena Michiko Flašars Geschichte gleicht einem Kammerstück, das nach dem Ein-Raum-Prinzip wenig Kulissenwechsel braucht und auf die Kraft des Ausdrucks setzt. Die Monologe entblößen zwei ganz persönliche Dramen. Schuld und Scham nisten sich ein - bei Taguchi nach dem Selbstmord einer Freundin, die gemobbt wurde, was er nicht verhinderte. Das beginnende Zittern wird noch lange bei Familienessen überspielt, bis Taguchi die Anstrengung, nicht aufzufallen, nicht mehr aufbringt. Alles wird ihm fortan zur Bedrohung. „Jemandem zu begegnen bedeutet, sich zu verwickeln. Es wird ein unsichtbarer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch.“ Flašars kleiner Roman, so viel sei verraten, ist eine Leidenschronik mit positiver Wendung: Das Sprechen verändert und löst die Paralyse.

          Die Theaterhaftigkeit der abwechselnden Reden wirkt aber auch etwas starr. Flašar hat diese Künstlichkeit zu bremsen versucht, indem sie die Sprache des Hikikomoris zunächst aus großer Gebrochenheit heranzieht: er stoppt, hält inne, schweift ab. Das unsichere Vortasten in eine unheimliche Welt ist Teil seiner Rede, die ins Gefühlige zu kippen droht. Bisweilen wirken die nachfolgende Flüssigkeit, das sich der Effekte bewusste Erzählen („Atemlos hielt ich an“) gestelzt und die Figuren von ihrer Suche nach allgemeinen Lebensrezepten umstellt. Hinzu kommt das eine oder andere grelle oder abgenutzte Adjektiv (Farben „schreien“, Haut ist „totenbleich“) sowie die all zu ähnliche Stilage der Figuren. Aber das sind Anfängerfehler. Dahinter scheint doch Flasars Talent für Sprache durch, ihr Mut zu bewegten, eigenen Bildern, die am klarsten wirken, wenn Taguchi mit seinem neuen Blick einfach die Welt beschreibt. Dann gefriert das hier stellvertretend für viele stehende Japan zu einem unter seiner Modernität leidenden Land, das im unseligen Verbund mit vielen unhinterfragten Ritualen zerbrochene Biographien wie diese verantwortet.

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