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Michel Houellebecq: Ich habe einen Traum : Da seufzt ganz Paris

  • -Aktualisiert am

Bild: Dumont Verlag

Houellebecqs Romane sind von polemischer Kraft und durchdringen gesellschaftliche Phänomene. Ohne die fiktionale Einkleidung werden seine starken Meinungen in den Essays „Interventionen“ allerdings wacklig und fleischlos.

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          Man könnte meinen, dass Michel Houellebecq alle Voraussetzungen für einen begnadeten Essayisten mitbringt. Schon seine Romane sind um starke Thesen gebaut; in ihrer polemischen Kraft und ihrer analytischen Durchdringung gesellschaftlicher Phänomene haben sie essayistische Qualitäten. Bei Lektüre von Houellebecqs neuem Band mit „Interventionen“ stellt man allerdings fest, dass seine strong opinions ohne fiktionale Einkleidung, ohne die Figuren, die an Lebensöde, Konsum und Sexmangel verzweifeln, mitunter wacklig und fleischlos wirken.

          Seine Ausführungen mäandrieren vor sich hin, um dann unversehens zuzustechen. Er führt etwa im Aufsatz über die Theoretikerin der Männervernichtung, Valerie Solanas, Selbsttäuschungen des Feminismus vor: Ist ja klar, dass ein Schriftsteller, der die Misere des männlichen Angestellten-Daseins beschrieben hat, den Appetit der Frauen aufs Berufsleben nur verspotten kann. Oder er analysiert die Ableitungsfunktion des Kinderschänder-Diskurses: „Mir scheint, als sei der Pädophile der ideale Sündenbock einer Gesellschaft, die alles dafür tut, die Begierde zu wecken, ohne die Mittel zu ihrer Befriedigung bereitzustellen.“ Houellebecq lässt keinen Zweifel an der kriminellen Verwerflichkeit der Tat, wenn er den Täter als Jammergestalt zeichnet: „Er ist das abscheulichste und zugleich lächerlichste Wesen der Welt. Er ist alt, widerwärtig, sein Gewissen ist belastet - und er ist nicht einmal Schriftsteller!“

          Der gerne über allem steht

          Houellebecq liebt es, Provokationen im Ton bloßer Feststellungen vorzubringen. Vor einem Jahrzehnt hat er den Islam als die „wirklich dümmste aller Religionen“ bezeichnet; er kritisiert weiterhin die wachsende Unfreiheit im Gespräch über Glaubensfragen. Der islamische Fundamentalismus sei kein Ausrutscher, sondern eine plausible Interpretation des Korans, meint er und bleibt trotzdem optimistisch: Der Glaube an Gott werde weiter abnehmen - „wenn nichts dazwischenkommt“.

          Von anderen Islamkritikern unterscheidet er sich durch seine vernichtende Haltung zur eigenen Kultur: „Der Westen ist für ein menschenwürdiges Leben ungeeignet. Es gibt eigentlich nur eine Sache, die man hier tun kann, nämlich Geld verdienen.“ Das tut Houellebecq, indem er in Nebensätzen die verblichenen Leit-Intellektuellen Sartre, Beauvoir, Bourdieu abfertigt, alle hätten sie keine Ahnung von Naturwissenschaften und Biologie gehabt, anders als er: der Autor der „Elementarteilchen“ hat Agrarwissenschaft studiert.

          Statt Sartre hat der junge Houellebecq also Bücher über Ackerbau und massenhaft Science-fiction gelesen. In „Dem 20. Jahrhundert entwachsen“ variiert er eine alte Grundsatzfrage: Konnte oder durfte man nach Hiroshima überhaupt noch Science-fiction schreiben? Man konnte zwar, aber nicht mehr wie zuvor. Der banale Optimismus des Genres war verflogen; die Utopien bekamen die Schlagseite ins Pessimistische.

          Bisher wenig Erfolg außerhalb von Frankreich

          Der Biologist Houellebecq - er würde das Etikett sicher als Kompliment verstehen - ist auch über die Vererbbarkeit wenig erfreulicher Eigenschaften beglückt. Die Liebe zu seinem Sohn, verrät er in einem Essay, wachse jedes Mal, „wenn ich in ihm Spuren meiner eigenen Fehler wiedererkenne“. Ein bei der Lektüre zum Vorschein kommender Fehler dieser „Interventionen“ besteht darin, dass die Kontexte der Debatten, in die Houellebecq eingreift, außerhalb Frankreichs kaum bekannt sind.

          Der Essay „Philippe Muray im Jahre 2002“ etwa stellt uns vor das Problem, dass der Autor - und seine außerordentlichen Leistungen im Jahr 2002 - hierzulande bisher kein Echo fanden. So wundert es nicht, dass die französische Originalausgabe in deutscher Fassung auf ein Drittel geschrumpft ist. Einige Stücke von internationaler Relevanz sind übrig geblieben, wie etwa die schöne Hommage auf Neil Young. Die zerbrechliche Schönheit seiner Lieder und die „seltsamen Seufzer“ seiner Gitarre lassen das Herz des Zynikers bluten. Es brauche „einen wirklich großen Künstler, um den Mut aufzubringen, sentimental zu sein“.

          Auch diesen Mut darf man Houellebecq, dem Don Quijote der Glückssuche, attestieren. Sein größtes Kapital ist die Authentizität als Schmerzensmann. „Über sich selbst zu reden ist mühsam und sogar widerlich. Doch in der Literatur ist es die einzige Sache, die sich lohnt“, schreibt er. Denn „die Menschen gleichen einander viel mehr, als sie sich in ihrer Überheblichkeit ausmalen“ - und so stellt der Schriftsteller Allgemeingültigkeit her, indem er möglichst taktlos von sich selbst spricht.

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