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Michal Hvoreckýs Roman „Troll“ : Zwei Formen der Wahrheit

Hauptkampfgebiet menschlicher Geist: Michal Hvorecký im Oktober in Frankfurt Bild: Picture-Alliance

Wie wird man mit dem ganzen Hass im Internet fertig? In Michael Hvoreckýs neuem Roman schleust sich ein ungleiches Paar in eine Troll-Fabrik ein. Mit unerwartetem Erfolg und zu einem literarisch hohen Preis.

          Schlichtes Trollen war gestern. Doch wo es in unserer heutigen Welt social bots sind, die online automatisiert gegen Politika wie den UN-Migrationspakt Stimmung machen, wird in Michal Hvoreckýs neuem Roman eine ganze Troll-Fabrik, in der Leute in mühevoller Handarbeit bis zur Erschöpfung Positionen und Personen diskreditieren und desinformieren, zur „Storytrolling Agency“ weiterentwickelt. Der Ich-Erzähler der Geschichte, der unter der Vielzahl seiner Nicknames den eigenen Namen nicht mehr zusammenbekommt, hat mit diesem Konzept den Gefallen seines Chefs gefunden. Dabei hatte der den unansehnlichen Anfangzwanziger letztlich eingestellt, weil er sonst auch auf die andere Bewerberin, auf Johanna, hätte verzichten müssen.

          Im Kern geht es in Michal Hvoreckýs viertem ins Deutsche übersetzten Roman „Der Troll“ um den Hass, die Lüge, die Wut im Netz und ihre Instrumentalisierung außerhalb, im Mantel um die beiden Freunde, die sich - sie als Drogenabhängige, er als ungeimpfter Masernpatient - in aussichtsloser Lage im Krankenhaus kennengelernt, dort nächtelang über Literatur debattiert und schließlich beschlossen hatten, das Troll-System zu bekämpfen, und zwar von innen heraus. Dabei zeichnet der slowakische Autor nicht nur die Vorwürfe, Verdächtigungen und angeblichen Enthüllungen der Fake News in den gewohnt schrillen Farben, sondern auch die Lebensgeschichte der beiden Hauptfiguren und die Welt, in der sie sich behaupten müssen: Nach Jahren der Tyrannis von Anführer-Vater und Anführer-Sohn in einem „Reich“ knapp außerhalb der „Festung Europa“ hat ein Regime von Schreckgestalten die Macht übernommen. Ein Hybridkrieg hat das Land verwüstet, jetzt befindet es sich abermals in einem Informationskrieg, der sich auswachsen könnte: „Ein Hauptkampfgebiet bot der menschliche Geist. Dort musste man siegen, dann konnte man auf dem Schlachtfeld das Duell vollenden.“

          Eine solche Eskalation ist größte Angst und ehrgeiziges Ziel der beiden Freunde zugleich: Nachdem sie ihm im Netz aufgefallen waren, holt Valys sie in sein achtzigköpfiges Team, das mit Hunderten von Profilen die Reputation einzelner oder das Ansehen ganzer Gruppen zerstört, Stimmungen anfacht, Übergriffe anzettelt und Politik bestimmt. Einem Wissenschaftler hängen sie üppige Einnahmen aus zweifelhaften Quellen an. Eine polnische Politikerin machen sie zum Ziel von antisemitischem Hass. Und als sie merken, dass sie ihr Opfer im Ausland nicht erreichen, opfert der Erzähler kurzerhand seinen alten Nachbarn, indem er ihn in Verbindung mit der Politikerin bringt: Auf den jüdischen Professor entlädt sich Hass, den die Trolle auf die Polin weiterleiten. „Bewährte Propagandatechniken wurden mit modernem Marketing zusammengebracht, und es entstand ein effektives Instrument“, heißt es einmal, später wird fein zwischen den Wahrheitsformen „istina“ und „prawda“ unterschieden: Der faktischen Wahrheit stehe im Russischen, wichtiger und erhabener, die „Wahrheit im Einklang mit Gott“ gegenüber – der Zweck heiligt also die Mittel.

          Hang zum Schrillen

          Eine „Storytrolling Agency“ müsse sich ihren Lesern gegenüber öffnen, so das Konzept des Erzählers: einen Tag der offenen Tür organisieren, auch Leute ansprechen, die „kritischer und anspruchsvoller sind und sensibler auf Unaufrichtigkeit reagieren“, zeigen, dass es ihr um etwas geht. Prompt wird ein Hiphop-Quartett auf „Vaterland-Tournee“ durchs Land geschickt – und der Erzähler zum Senior Content Operator befördert.

          Michal Hvorecký: „Troll“. Roman. Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2018. 215 S., geb., 18,– Euro.

          Doch wer ist die junge Frau, die mit einigem Geschick und erstaunlicher Kenntnis die Troll-Fabrik von außen unter Druck setzt? Dass der Erzähler seine Komplizin denunziert, könnte noch Teil eines Plans sein, in den er nicht völlig eingeweiht ist. Doch auch nach Johannas Verhaftung hören die Veröffentlichungen nicht auf. Die Stimmung beginnt tatsächlich zu kippen. Valys und seine Leute merken das und setzen sich ab, nachdem sie den Erzähler öffentlich als Kopf der Hasskampagnen dargestellt haben: Die Stimmung kippt abermals – gegen einen Ohnmächtigen, der sich selbst nur noch als Fratze sieht und den einzigen Ausweg in einer Gesichtsoperation, tabula rasa.

          Michal Hvorecký liebt die grelle Szene, die schrille Geschichte: In seinem ersten Roman kämpft ein junger Mann gegen die Internetporno-Sucht, in seinem zweiten findet sich einer im Escort-Service wieder. In „Troll“ ist die Lebenswirklichkeit derart durch Lug und Trug entstellt, dass keine der Figuren mehr in ihr Halt oder Haltung findet: eine literarische Konsequenz, die es schließlich auch dem Leser nicht immer leichtmacht – dem zumal, der sich nicht nur an dem breit vorgetragenen Zynismus des Romans ergötzen will, sondern in ihm auch Erhellendes sucht.

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