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Michail Schischkin: Briefsteller : Was uns das Loch im Strumpf über die Welt erzählt

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Michail Schischkin lässt Seelen und Worte über die Zeit wandern wie Wolken über den Himmel. Was seinen Wortatlas verbindet, ist nicht der Wille zur Macht, sondern die Suche nach Liebe.

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          Haben Sie den neuen Schischkin?“ Mit diesen Worten stürmte ein junger Mann kurz vor Ladenschluss in eine kleine, aber feine Berliner Buchhandlung. Letzte Woche, so erklärte der atemlose Literaturfan einer ungläubig schauenden Dame, sei das Buch hier restlos ausverkauft gewesen. Das gibt es also noch: ein zeitgenössischer russischer Roman, für den die Leute Buchhandlungen stürmen.

          Tatsächlich ist der Roman des seit 1995 in der Schweiz lebenden Michail Schischkin auf dem besten Weg, eine literarische Sensation zu werden. Das Buch erschien jetzt gleichzeitig in fünfundzwanzig Ländern. Für 2013 ist eine Übersetzung ins Englische unter dem Titel „The Light and the Dark“ angekündigt. In Russland erhielt der Autor für sein jüngstes Werk die höchste literarische Auszeichnung, und in Moskau, der Ukraine und in der Schweiz wurde es von dem Pianisten Alexej Botvinov bereits auf die Bühne gebracht.

          Sommerliebe und Kriegsgreuel

          Daraus ist ein Hörbuch hervorgegangen. Dabei hatte Schischkins letzter Roman, „Venushaar“, der 2011 auf Deutsch erschien, dem Leser durch das komplizierte Ineinanderschachteln verschiedener Zeit- und Erzählstränge einiges abverlangt. Auf den ersten Blick versprach auch der neue Roman keine einfache Lektüre zu werden. Und dann noch dieser verstaubt klingende Titel! Als „Briefsteller“ bezeichnet man eine bis ins neunzehnte Jahrhundert verbreitete Ratgeberliteratur zur Etikette der Korrespondenz. Schischkin revitalisierte das Wort wie Gartenliebhaber vergessene Obst- oder Blumensorten.

          Eigentlich ist alles ganz simpel. Eine romantische Sommerliebe wird jäh beendet. Um die europäischen Handelsmissionen gegen die marodierenden chinesischen Boxer zu verteidigen, rückt Wolodja mit russischen Truppen in den Fernen Osten vor. Das ist um das Jahr 1900. Dort erlebt er die Greuel des Krieges, Massaker, Verwundungen, Leichen im vergifteten Flusswasser, Erschöpfung, Krankheiten, grausame Verwundungen, Tod, Einsamkeit, aber auch Freundschaft und kameradschaftliche Wärme.

          In den Ritzen des Schicksals

          Darüber und über vieles mehr aus seinem Leben schreibt der Soldat der zurückgebliebenen Sascha, einer Medizinstudentin und angehenden Gynäkologin. Sascha, die nach ihrem frühverstorbenen Bruder benannt wurde, wiederum schreibt über ihre anfangs noch mädchenhaften Träume, über Kindheitserinnerungen, Enttäuschungen in der Liebe, Niedertracht, über ihre eintönige, deprimierende Arbeit in einer Abtreibungsklinik, über die geschiedenen Eltern, die sie bis zu deren Tod pflegt. Und über das kurze Glück, das sich zwischen all dem Elend in den Ritzen des Schicksals niederlässt.

          Irgendwann spürt man, wie sich die Zeiten und Ereignisse voneinander entfernen, ohne dass die Intimität zwischen den Schreibenden irgendeinen Schaden nimmt. Während wir Wolodja nur über ein paar Monate begleiten, nimmt uns Sascha mit auf eine Reise durch ihr Leben, das noch dazu in einer undefinierten Gegenwart stattzufinden scheint. Es entsteht eine Seelenverwandtschaft über Zeiten und Räume hinweg. Wolodja, der längst gefallen zu sein scheint, schreibt unbeirrt weiter über Liebe und Leid, über seine Mutter und den blinden Stiefvater, den er hasste, obwohl dieser ihm viel näherstand als der leibliche Erzeuger, der dann doch wieder nicht der leibliche war.

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