https://www.faz.net/-gr3-74m8n

Michail Schischkin: Briefsteller : Was uns das Loch im Strumpf über die Welt erzählt

  • -Aktualisiert am

Federleichter Geniestreich

Und auch in Saschas Leben gerät kaum etwas nach Plan, je weiter es voranschreitet, desto weniger Plan gibt es darin, dafür umso mehr Tristesse. Das ersehnte Kind soll sie nicht bekommen, sie baut es sich in einem unserer Zeit nahen russischen Winter aus Schnee. Ihre Liebe zerbricht, sie altert und ergraut. Das Glück ist ihr nur beim Schreiben an Wolodja ein verlässlicher Begleiter. Immer mehr muss man befürchten, dass die Briefe ihre Adressaten vielleicht nie erreichten, dass wir, die Leser, die vielleicht einzigen Zeugen dieser berührenden Korrespondenz sind. Doch geschriebene Briefe kommen irgendwann an, nur die ungeschriebenen bleiben ungelesen.

Verfasst ist diese Korrespondenz in einer federleichten, geradezu durchscheinenden Sprache, die Andreas Trettner meisterlich ins Deutsche übertragen hat. Man möchte gar nicht aufhören zu lesen! Nebenbei gelingt Schischkin mit diesem ungewöhnlichen Briefroman noch ein weiterer Geniestreich, für den er den großen Autoren des Genres aufmerksam auf die Feder geschaut hat. „Briefsteller“ verbindet die männlich dominierte Kriegserzählung, die grausamen Berichte über die Nackten und die Toten, die blutigen Geschichten von den Reiterarmeen und ihrem roten Lachen scheinbar mühelos mit einem klassischen Familien- und Liebesroman.

Was bleibt

Während Wolodja über den Krieg und die Welt philosophiert, plaudert Sascha vom der alltäglichen Mühsal und Lust im Frieden. Auch darin ist dies ein Buch über die Verständigung durch Sprache, die eigentlich immer zu Missverständnissen führt, und eines über den Tod, den wir nur durch die Sprache besiegen können. Zuweilen fühlt man sich - wie schon in dem Vorgängerroman - an David Mitchells „Wolkenatlas“ erinnert. Auch hier wandern die Seelen über die Zeit wie Wolken über den Himmel, nur dass bei dem Russen nicht der Wille zur Macht, sondern der zur Liebe diese Seelen vereint.

Für den 1961 in Moskau geborenen Schischkin ist das Wort das, was bleibt, für ihn wie für seinen Helden ist „die Tinte der Urstoff aller Existenz“. Das lange Exil, auf das er häufig kritisch von russischen Landsleuten angesprochen wird, habe ihn nur noch mehr in der Muttersprache verwurzelt, erst die Ferne ermögliche die Nähe, schließlich haben auch die großen Russen des neunzehnten Jahrhunderts, in deren Tradition sich Schischkin sieht, viele ihrer Werke im Ausland geschrieben.

Das Wesentliche

Zu den Aufgaben des Schriftstellers gehöre es, wie er in einem Interview erklärt, das wirklich Wichtige aus der unübersichtlichen Jetztzeit auf eine andere zeitliche Ebene zu heben, auf eine Ebene, in der es keinen Tod mehr gibt. Tolstoi ist tot, aber Anna Karenina ist unsterblich.

„Weißt Du“, schreibt Wolodja seiner Sascha, „ich denke, es ist so: Da, wo die sichtbare, die stoffliche Hülle der Welt - die Materie - überdehnt wird oder speckig ist vom vielen Gebrauch, abgewetzt und fadenscheinig, da reißen Löcher auf. Und hervorschaut wie der Zeh aus dem Loch im Strumpf - das Wesentliche.“ Manch einer wird denken, das sei Esoterik, andere dagegen: So schön kann es nur ein Russe schreiben.

Weitere Themen

Leia spielt Schlüsselrolle Video-Seite öffnen

„Star Wars IX“ : Leia spielt Schlüsselrolle

Ihre Rolle als Prinzessin Leia in Star Wars hat sie für ihre Fans unsterblich gemacht: Obwohl Schauspielerin Carrie Fisher seit drei Jahren verstorben ist, spielt sie in „Der Aufstieg Skywalkers“ dank moderner CGI-Technik mit.

Topmeldungen

Parteitag stimmt zu : Die SPD sagt vorerst Ja zur Groko

Der Leitantrag zum Fortbestand der Großen Koalition findet auf dem Parteitag in Berlin eine breite Unterstützung: Die Genossen wollen ihre neuen Vorsitzenden stärken. Die sollen nun Gespräche mit der Union suchen.

Merkel in Auschwitz : Die Bausätze des Hasses

Die Lehre von Auschwitz lautet: Wehret den Anfängen! Schon die Vorgeschichte des Holocausts muss den Anhängern der freiheitlichen Demokratie daher eine Warnung sein.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.