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Michael Ondaatje: Katzentisch : Jeden Tag sollte man mindestens ein Verbot übertreten

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Bild: Hanser

Diese Literatur entsteht aus der Angst, die sie vertreibt: In seinem lyrischen Abenteuerroman lässt Michael Ondaatje einen Luxusdampfer leuchten - und alle Erdenschwere endgültig hinter sich.

          5 Min.

          Einmal träumte Michael Ondaatje sich als Barmann, der mit einer Axt Gläser voll Gin zu Scherben schlug, um dem Vater den Fluch der Trinkseligkeit aus dem Blut zu treiben. Dieser Traum verriet ihm nur erneut, dass er den Sinn fürs Theatralische, Streitsucht, Gewalt und Zorn von seinem alkoholverwitterten Vater geerbt hatte, der zugleich die Bücher liebte, den verstohlenen Humor und die Kinder, ihre Unschuld und Leichtgläubigkeit. „Du hast mich“, warf der Sohn ihm vor, „zum Hasardeur gemacht“: gewiss - aber auch zum befreiendsten Schriftsteller unserer Zeit.

          In Ondaatjes neuem, heute erscheinenden Roman „Katzentisch“ kehrt der Vater als melancholischer Pianist Max Mazappa wieder, „halb Sizilianer, halb sonst noch was“: Mit vertändelt obszönen Songs librettiert er vor einem verzückt verwirrten Teenagerpublikum die Geschichte seines tropenfiebrigen Lebenslaufs. Dabei wirft er Wahrheit und Fiktionen hemmungslos durcheinander und lässt hinter seiner vollmondhellen Begeisterung ein Selbstporträt seines Schöpfers Ondaatje erahnen, auf dessen Heimatinsel Sri Lanka eine gut erzählte Lüge mehr wert sein kann als tausend Fakten. „Überirdisch und unvergesslich, kugelsicher und wasserdicht“, versetzen uns Ondaatjes Zeilen seit den „Gesammelten Werken von Billy the Kid“ 1970 wie die Verse Mazappas in jenen sanften Schauer, der jeden befallen kann, der im Indischen Ozean zum ersten Mal die Anmut einer Koralle in Händen hält.

          Daseinszerrüttende Wunderlichkeit

          Wie Mazappa hat Michael Ondaatje stets einen thrillernahen Plot unter Deck seiner Romane verborgen, wechselt bisweilen in nur einem einzigen Satz von Zartheit zu Mordlust, von einem Kontinent zum nächsten und von einer Vergangenheit, da noch alles träumerisch möglich schien, zu einer verfinsterten Gegenwart hin und zurück. Ondaatje zu lesen heißt seit dem „Englischen Patienten“ (1992), dass man auf die nächste herzweitende Seite hofft. Im „Katzentisch“ navigiert er uns - Emblem schlechthin für sein odysseeisches Werk - in einem schwimmenden globalen Dorf 1954 für drei Wochen von Sri Lanka über den Golf von Aden und das Rote Meer durch den Suezkanal nach London: Für manche mit tödlichen Folgen. Zum Glück verlässt Mazappa das Schiff früh genug.

          Hals über Kopf verliebt hat er sich - und flüchtet. Aber er ist ohnehin nur ein Genie unter all den andern Genies der Wunderlichkeit, die den kanariengelben Luxusdampfer „Oronsay“ heimsuchen wie ein amphetaminsüchtiger Gauklertrupp: Mazappas Kurzzeitgefährtin Perinetta Lasqueti wirft haufenweise langweilige Bücher über die Reling und führt ihre Tauben in den wattierten Taschen ihres Jacketts spazieren, um sie tüchtig Seeluft schnuppern zu lassen. Ein Baron entpuppt sich als Dieb, der die athletisch wendige Jugend an Bord durch Luftschächte zwängt, um in die Kabinen der Reichen zu gelangen wie in diejenige Sir Hector de Silvas, den ein buddhistischer Mönch mit dem Fluch der Tollwut zur Bettlägerigkeit verurteilt hat. Der ewig bekiffte Botaniker Daniels errichtet sich tief im Bauch des Schiffes ein giftiges Stechapfelparadies; und der Wahrsager Sunil verführt Emily de Saram dazu, bei der Befreiung des Sträflings Niemeyer aus dem Hades des Maschinenraums behilflich zu sein. So gerät Emily in eine Intrige, die ihr Dasein zerrüttet.

          Von der täglichen Verachtung der Dekadenz

          Sie alle aber werden von jemandem beschattet, einem, dem nichts entgeht: Auf den Inseln im Indischen Ozean, Sri Lanka, Madagaskar, Mauritius, wo das Meerwasser wärmer ist als die Luft, wo Palmblätter im Sturm wie Finger nach dem Himmel greifen und riesenhafte Seesterne und Korallenwracks an die Strände treiben, flattert der muntere Sperlingsvogel Mynah, papageienhaft sprachbegabt, zum Frühstück herbei, um auf dem Balkon freigiebig deine Cashnewkerne mit dir zu teilen. Mit dem Spitznamen „Mynah“ adelten Ramadhin und Cassius ihren elfjährigen Kompagnon Michael, den nunmehr zum Schriftsteller gereiften Erzähler des Romans, der im Speisesaal der „Oronsay“ mit ihnen am titelgebenden Katzentisch saß: So weit wie nur möglich entfernt von der Tafel des Kapitäns. Dort schlossen die Drei den Pakt, jeden Tag ein Verbot zu übertreten: Sie stehlen der Ersten Klasse das Frühstück, erlernen das Rauchen und den Genuss exotischer Alkoholika und spionieren die Erwachsenen dabei aus, wie sie das ihnen - ihres Erachtens - Erlaubte tun und meist fürchterlich kentern.

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