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Michael Maar über guten Stil : Keine Liebesrede ohne Pathos

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Bedrängt von Büchern: Gustave Dorés Don Quichote wird der Literatur nur mühsam Herr. Bild: Interfoto

In guten wie in schlechten Sätzen: Der Literaturkritiker Michael Maar fragt nach dem Geheimnis guten Stils und nimmt die großen Werke der Weltliteratur in seine Lektorenhand.

          5 Min.

          Ist es wirklich ein Abenteuerbuch, das der Literaturkritiker und -wissenschaftler Michael Maar da geschrieben hat? Die Geschichte einer Schatzsuche? Vom Einband blickt einem eine elegante junge Frau entgegen, ihr Blick, selbstbewusst, aber verträumt, trifft einen nicht direkt, die Linke liegt auf einem aufgeschlagenen Buch, das seltsam unscharf scheint (sind das verschwommene Zeilen, Bilder hinter Pergamentpapier?), die Rechte stützt nicht, wie man bei flüchtigem Blick vermuten könnte, den leseschwer gewordenen Kopf, sondern deutet eine Faust an – eine Drohgebärde? Dazu, farblich vornehm abgestimmt, der Titel: „Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur“. Ein nur leicht aufdringlich mysteriöses Gemälde, ein kurios verrutschtes Sprachbild und ein Versprechen, so hochgegriffen, dass man dem Autor sofort zutraut, auf seine Einlösung souverän zu verzichten, zumindest diesen Schatz nicht jagen zu müssen. Welchen aber dann?

          Den Begriff, um den das ganze Buch – immerhin 656 Seiten – aufgebaut ist, sucht man in dessen Titel vergebens: Stil. Ein altmodisches Wort, allerdings ist gewaltig Spannung drauf. Stil, das meint das höchst Individuelle eines (in diesem Falle: literarischen) Ausdrucks. Stil behauptet einen Gleichklang von Persönlichkeit und Form, was ziemlich vertrackt ist, nicht nur weil Gleichklang nicht leicht zu haben ist, sondern weil so eine Persönlichkeit ohnehin eine reichlich dissonante Angelegenheit darstellt. Stil bildet die Persönlichkeit nicht ab, er müht sich, sie zusammenzuhalten.

          Proust hat ein Schlupfloch gefunden

          Allerdings meint Stil zugleich gerade das Überindividuelle: den Stil einer Schule, einer Zeit (sozusagen den Form gewordenen Zeitgeist) oder eben den „guten“ Stil (also das unterliegende Regelwerk, das angeblich nur missachten darf, wer es in- und auswendig kennt). Stil ist individuelle Haltung, die sich nicht nur den Anforderungen einer Gegenwart entgegenwirft, sondern, unverfroren genug, dabei auch die einer komplizierten Vergangenheit und einer offenen Zukunft in Anspruch nimmt. Von da ist man natürlich schnell auf den sprach- und identitätspolitischen Schlacht- und Minenfeldern dieser Tage.

          Michael Maar: „Die Schlange im Wolfspelz“. Das Geheimnis großer Literatur.
          Michael Maar: „Die Schlange im Wolfspelz“. Das Geheimnis großer Literatur. : Bild: Rowohlt Verlag

          Maar, der sich hütet, sich festzulegen auf eine Definition, was „Stil“ sein könnte, hat all das im Blick – das Sozial-Historische, zumal das Politische eher halbherzig. Er ist so frei, ein wenig aus der Zeit zu fallen und sich an die „Großen“ zu halten, denn eine Abenteuergeschichte braucht Helden, auch fragwürdige, auch komische, strauchelnde. Maars Helden heißen unter anderem: Walter Benjamin, Rudolf Borchardt, Heimito von Doderer, Johann Wolfgang von Goethe, Franz Kafka, Thomas Mann, Martin Mosebach, Robert Musil, Friedrich Nietzsche, Marcel Proust, Joseph Roth, Arthur Schopenhauer, Rahel Varnhagen – eine ziemliche Männerriege, zumindest in prominenten Nebenrollen gibt es schillernde Frauengestalten: Marie von Ebner-Eschenbach, Marieluise Fleißer, Brigitte Kronauer, Christine Lavant. In regelmäßigen Slapstick-Einlagen: Stefan Zweig. Irgendwie schwierig, zwielichtig, doch das gehört ja auch zu einer guten Story: Hans Henny Jahnn und Arno Schmidt. Die Namensreihe gibt bereits einen guten Eindruck vom literarischen Kosmos, in dem Maars Schatzsuche stattfindet. Es geht klassisch-modern zu. Die Grenzen sind, da es um Sprache geht, ziemlich dicht, immerhin Proust hat ein Schlupfloch gefunden.

          Nichts gegen Extravaganz, aber bitte mit Maß

          Auch die Erzählerfigur, die unter anderem unter dem Titel „Stilkritiker“ firmiert, ist dadurch schon recht gut konturiert, stellt sich aber vor allem im ersten Drittel des Buches bereitwillig vor. Auch wenn Maar ausdrücklich kein normatives Regelwerk eines literarisch „guten Stils“ aufstellen will (so altmodisch mag er es dann doch nicht haben), schon gar keine literaturtheoretische oder -historische Ableitung von Stilbegriffen, führt er in den ersten drei Kapiteln doch eine ganze Reihe von „Instrumenten“ des Stils vor, die zugleich dazu herhalten sollen, die zahlreich ausgebreiteten Beispiele kritisch abzuwägen und zu beurteilen. Und beurteilt wird viel in diesem Buch – in diversen Tonlagen, kollegial-anteilnehmend an guten „Einfällen“, unvermeidlichen „Schrullen“ und „stilistischen Missgriffen“, mit zuckender „Lektorenhand“ die „Fehler“ unterkringelnd, streng-lehrerhaft, dann wieder amüsiert-gütig die „Kunstfehler“ scannend.

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