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Michael Lentz: Textleben : Bergbesteigung ohne Seil und Eispickel

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Aber auch das eigene Textleben hat seine Höhen und Tiefen. Mal lässt der Dichter kraftmeierisch wissen, dass er der Beste ist, dass er „richtig was auf dem Poetenkasten hat“, dann wieder zagt er ebenso radikal: „Ich habe bislang nichts geleistet, überhaupt nichts, ich stehe erst am Anfang.“ Seine notorische Lust am Dazwischenhauen kann die Schwachköpfe der Gegenwartslyrik treffen, sich aber unvermittelt auch gegen ihn selbst richten. Hart geht er mit seinen Werken ins Gericht. „Liebeserklärung“ (2005) sei ein Rausch gewesen, „eine Bergbesteigung ohne Seil und Eispickel“, nun sei das Buch ihm peinlich, weil zu linear angesichts des Lebens. „Pazifik Exil“ (2007) sei „auch kein gutes Buch“, bis auf „einige kürzere Passagen“.

„Lesen Sie Oskar Pastior“

Aber nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Nach Anwandlungen von Selbstzweifeln wird das Training wiederaufgenommen. Entsprechend soll auch der Leser immer wieder den Pass in die Schnittstelle von Text und Welt trainieren, denn „unsere lesenden Augen sind aus der Übung gekommen“. Selbst mit einem germanistischen Doktortitel versehene Kritikerinnen halten ja heute intellektuelle Anstrengung beim Lesen von Literatur für eine Zumutung. Die zur Schau getragene Verachtung für Literaturwissenschaft gehört für Lentz im Übrigen zu den gängigen Vorurteilen, die den Blick auf die Tradition ermüden lassen.

Der Autor aber ist auch als Leser einer, der sich dem Wunsch nach Verstehen systematisch und listig entzieht. Die vieldeutige Literatur lässt sich nicht auf begriffliche Aussagen reduzieren. „Literatur ist ein Vortäuschungsmanöver“, ein komplexes System von Finten. Das Verstehen von literarischen Texten ist angesichts dessen ein „schillerndes Kontinuum“, und manchmal geht Verstehen umso mehr in die Irre, je tiefer es zu greifen sucht. „Und oft genug ist bei Thomas Kling das Vergessene, Abgedrängte, Unbekannte dominant, das sich durch die poetische Textur wieder an die Oberfläche bahnt. An dieser Oberfläche kann es der Leser abholen.“ So geht es gar nicht in erster Linie um Sinnverstehen, „vermeintlich ganz und gar verstehen kann eine große Enttäuschung bereiten“. Denn Literatur nimmt Sinn und gibt Sinn, während sie Sinn nimmt und dabei Sinn gibt. Alles klar? Sich einlassen auf die Schnittstelle und nicht nachlassen ist lohnender und lebendiger als falsche Klarheit. Daher: „Sie verstehen Ihre Welt ringsum nicht? Lesen Sie Oskar Pastior. Sie verstehen sich selbst nicht? Lesen Sie Oskar Pastior. Sie verstehen Oskar Pastior nicht? Lesen Sie Oskar Pastior.“

Ein Radikalinski der Literatur

„Das Großmaul“ Michael Lentz kann andere wunderbar loben, selbstlos und manchmal in rührender Schlichtheit. „Es ist erschütternd.“ Das ist vielleicht die Dankbarkeit dessen, der sich als Schüler das Alphabet nicht merken konnte. Beharrlich und treu auch tritt er für die Lautpoesie ein, die ihm einst ein Initialerlebnis bescherte. Sie ist ihm nach wie vor in gesteigertem Maß existentiell, indem sie zeigt, „wie wir aus unserem Munde hervorgehen“, wie Sprache jenseits des Erzählens, der Referenz und auch des Stimmungshaften lebt. Das ist die Grundlage der Bedeutungen, die das Buch an Metapher und Begriff des Textlebens entfaltet.

Der Einwand, Lautpoesie sei schnell veraltete Avantgarde mit Nachwuchsproblemen, zählt für Michael Lentz schon deshalb nicht, weil er erfahren hat, dass in der Literaturgeschichte gar nichts ein für alle Mal veraltet. Auch die ältesten Texte können im „Überfall des Gewesenen auf die Gegenwart“ je und jäh Aktualität erlangen, in die Wahrnehmung der Welt einbrechen und den Blick auf die Dinge verändern. Dieser Radikalinski der Literatur ist erstaunlich frei von ideologischen Vorbehalten. „Lesen Sie mal Stefan George! Das ist der Hammer.“ Mit Benn werde man „einfach nicht fertig“ und Rilke zu lesen könne tatsächlich „das Leben verändern“.

Sie verstehen das nicht? Lesen Sie Michael Lentz, und lesen Sie, was und wie er lobt. Lesen in Tateinheit mit Schreiben, lehrt er und lebt es vor, ist etwas eminent Sinnliches und Sportliches. Literatur ist Leibesübung als „Nichtsterbenwollen“, Glück und Anstrengung, Hingabe und Selbsterhaltung zugleich und als „Tätigkeit der Wollust“ das beste Mittel gegen die Langeweile. Intensiver kann die innige Beziehung von Lesen und Leben nicht gepriesen werden als in diesem Hammer von einem Buch.

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