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Michael Kumpfmüller: Die Herrlichkeit des Lebens : Porträt des Künstlers als liebender Mann

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Unstillbarer Durst nach Leben: Michael Kumpfmüller hat mit „Die Herrlichkeit des Lebens“ einen Roman voller Würde geschrieben. Er zeigt uns einen erfüllten Franz Kafka und bringt Licht in das Rätsel Dora Diamant.

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          Inzwischen sieht er beinahe wie ein Kind aus, man kann es nicht deutlich genug sagen, er ist krank, aber das Auffällige ist doch dieser Ausdruck, als hätte er sein halbes Leben gebraucht, um wie ein verdruckster Primaner auszusehen, und kaum hat er diese Stufe erreicht, entwickelt er sich zurück zum Kind.“ Vor dem Spiegel geht dem Protagonisten diese Ungeheuerlichkeit auf: dass sein Körper sich nicht an die vorgegebene Chronologie hält. Das Regredieren ist überhaupt die Signatur der Zeit, politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich. Die ins Groteske neigende Endzeitstimmung scheint sich in diesem Körper, der täglich jünger und doch hinfälliger wird, einen Signifikanten gesucht zu haben. Sein Träger verkriecht sich, richtet den Bau ein und ergreift unter diesen Bedingungen, die alle Normalität außer Kraft setzen, zum ersten Mal das Leben beim Schopfe.

          Ein biographischer Roman über einen Schriftsteller ist für einen Autor wohl das Leichteste und Schwerste zugleich. Einerseits liegt das Material offen zutage, andererseits erfordert es ein Höchstmaß an stilistischer Präzision, über die Literaturgeschichte hinauszugehen, ohne in einen Widerspruch zu ihr zu geraten. Und um es gleich zu sagen: Michael Kumpfmüller, dem schon einige literarische Coups gelungen sind, hat diese Aufgabe mit Bravour gemeistert. Sein tragisch-schöner Liebesroman „Die Herrlichkeit des Lebens“ zeigt uns einen Franz Kafka, den wir erkennen und so doch nicht kannten, nämlich einmal nicht (nur) als Sohn und innerlich Zerrissenen, sondern als Versöhnten, der zuletzt Erfüllung findet. Wenn daran auch manches Spekulation sein mag, so ist sie doch gut begründet.

          Es hatte auch bösere Stimmen gegeben

          Denn dieses Porträt des Künstlers als liebender Mann ist zu gleichen Teilen eine Hommage an die junge Frau, die in Kafkas letztem Lebensjahr an seiner Seite stand, an Dora Diamant. Und damit ist es ein literarisches Oxymoron, das zwei konträre Perspektiven zusammenbringt und dies zugleich reflektiert: „Ist man für verschiedene Menschen jeweils ein anderer?“ Die Literaturwissenschaft hat sich zur Anbetung ihren eigenen, ätherisch-ungreifbaren Genius entworfen. Die Kafka so wichtige Geliebte dagegen wendete sich gegen jedes Literatur-Pathos. Es herrschte kein Friede unter diesen Hinterbliebenen.

          Nachgerade versöhnlich war es, wenn Joachim Unseld Anfang der achtziger Jahre in seiner Kafka-Promotion von der „anspruchslosen und ganz unintellektuell natürlichen Dora“ sprach. Es hatte auch bösere Stimmen gegeben, die sich ihrerseits herausgefordert fühlen mochten von Doras Angriffen gegen die Forschung, die sie eine „Verletzung meiner Privatsphäre“ nannte. Die posthume Veröffentlichung von Kafkas Schriften lehnte sie ab, weil sie diese im Vergleich mit Kafkas Person für „bestenfalls unwichtig“ hielt, wie sie im Jahre 1930 bekannte, und zwar ausgerechnet gegenüber Max Brod, der seit je an Kafkas literarische Sendung glaubte. Man strafte die Person, die wohl so nah wie niemand sonst an Kafka herangekommen war, bis in die jüngere Vergangenheit mit Desinteresse, obwohl auch Doras späteres Leben einem Roman gleicht: Sie wurde Schauspielerin, heiratete einen KPD-Funktionär, lebte als aktive Kommunistin in der Sowjetunion und in Großbritannien, wo sie während des Krieges als feindliche Ausländerin inhaftiert wurde und 1952 starb.

          Das Religiöse gibt hier allenfalls die Kulisse

          Seit einigen Jahren jedoch findet eine kleine Dora-Renaissance statt: Die – nicht verwandte – Amerikanerin Kathi Diamant hat 2003 eine ausführliche Biographie vorgelegt. Ein Jahr später widmete Nicholas Murray Dora ein längeres Kapitel in „Kafka und die Frauen“, auch wenn Felice Bauer und Milena Jesenská hier im Vordergrund stehen. Zuletzt hat Reiner Stach 2008 im zweiten Band seiner überragenden Biographie ausführlich über die Dora-Jahre berichtet. Aber obwohl Stach selbst gerne literarische Verfahren einsetzt, hält er sich hier merklich zurück, gibt den ökonomischen Rahmenbedingungen mehr Raum als Auskünften über die Natur dieser Beziehung, und das aus einem einfachen Grund: Kafkas Diskretion, so Stach, lasse „den Nachlebenden kaum mehr als das Spiel mit Indizien“. Doras Durchdrungenheit von der jüdischen Überlieferung ist bekannt: Zog dies den soeben Hebräisch lernenden Kafka in erster Linie an? Kumpfmüller verneint vorsichtig. Das Religiöse gibt hier allenfalls die Kulisse ab für eine Romanze, die aus dem Bauch kommt, nicht aus dem Kopf.

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