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Neuer Roman von Michael Krüger : Ein seltsam ätherisches Mädchen

  • -Aktualisiert am

Die drei Musen des Malers Eustache Le Sueur hätten den Erzähler in Krügers Roman sicherlich überfordert. Er ist schon mit einer einzigen ausgelastet. Bild: Picture-Alliance

Von der Muse aus dem Takt gebracht: In seinem Roman „Vorübergehende“ widmet sich Michael Krüger einer skurrilen Wohngemeinschaft und dem trostlosen Zeitgeist.

          2 Min.

          Roman steht drauf, Kolumnen sind drin. Und die klingen so: „Als ich vor fast fünfzig Jahren mit meiner Tätigkeit anfing, mussten wir uns noch der deutschen Sprache bedienen, heute sind wir als Consulter-Experten für Work-Life-Balance und Personal Branding unterwegs.“ Michael Krügers Ich-Erzähler ist Motivationscoach, beschäftigt sich aber lieber mit Kulturkritik. Nichts entgeht seinem sezierenden Blick, das goldlaminierte Smartphone kommentiert er genauso in Grund und Boden wie zu Fußgängerzonen umgemodelte Bahnhöfe. Manager, die keine Bücher lesen, sondern lieber deren Verfilmungen anschauen, werden mit derselben Hingabe heruntergeputzt wie Flachbildschirme, selbstfahrende Autos und die „digitalen Metastasen“, von denen ständig in den Zeitungen zu lesen sei.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Suada gegen die Geistlosigkeit der Gegenwart gerät dem Erzähler so gepfeffert und allumfassend, dass man sie kaum ernst nehmen mag. Das ist schade, denn viele gute Beobachtungen gehen in der Hitze der Dauererregung leider unter. Mode: „Mittlerweile sehen ja fast alle Kinder ähnlich aus und unterscheiden sich nur noch durch die Aufschriften auf ihren T-Shirts.“ Architektur: „Der Potsdamer Platz war nichts anderes als ein Mahnmal der exklusiven Hässlichkeit.“ Deutsche Bahn (aus Platzgründen in Stichworten): Personen im Gleis, nicht zu öffnende Fenster, dummdreister Schaffner, dummdreistere Fahrgäste, Verspätung, verpasste Anschlusszüge. Auch wer Krügers Buch nicht gelesen hat, ist über all dies im Bilde, weil es sich um Offensichtliches, allenthalben Beklagtes oder am Stammtisch längst Besprochenes handelt.

          Versorgt den Leser mit Exkursen und Reflexionen: Michael Krügers „Vorübergehende“
          Versorgt den Leser mit Exkursen und Reflexionen: Michael Krügers „Vorübergehende“ : Bild: Haymon Verlag

          Als Antidot zu solchen Missständen taugen, das lernen wir direkt auf der zweiten Seite, Cioran und Canetti, Lichtenberg und Nietzsche. Der Erzähler selbst klingt zuweilen eher wie eine etwas aus dem Takt geratene Figur Thomas Bernhards („Ein einziges Möbelstück ist dieser totalen Lebensvernichtung entgangen“). Er trägt auf seinen Reisen stets ein Buch mit Aphorismen bei sich, das ordentlich auf ihn abgefärbt hat: „Alle wollten gut sein und das Gute wollen, aber das Gute war ein seltenes Gut.“ Auch in der Literatur ist das Gute höchst selten, und Krügers Roman stellt nur passagenweise eine Ausnahme dieser Regel dar. Er trägt den Titel „Vorübergehende“ und handelt von einem Erzähler, der in andauernder Selbst- und Fremdbespiegelung vor sich hin assoziiert. Als er während einer Zugfahrt aus dem Schlaf erwacht, bemerkt er, dass sich ein Mädchen an ihn geschmiegt hat. Es heißt Jara, spricht kein Deutsch, sieht aus wie eine Mischung aus „Kobold und Fee“ und lebt fortan mit ihm zusammen.

          Die meiste Zeit befasst sich Jara nur mit einer Sache, dem Zeichnen. Gemeinsam mit einem naseweisen Nachbarsburschen bildet sie ein verschworenes Zweiergespann. Er plant, ihre Bilder in einem Buch namens „Atlas der verborgenen Erinnerungen“ herauszubringen, sie – schweigt. Im Gegensatz zum scharf konturierten Erzähler, der gut bezahlte Initiativreferate bei Events wie der Jahrestagung des Deutschen Molkereiverbands hält, wird Jara mit fortschreitender Lektüre immer enigmatischer. Hier zeigt Krüger, dass er Literatur auch als Verschleierungskunst beherrscht. Dieses ätherische Mädchen ist nämlich vor allem eine unter Genieverdacht stehende, sich ständig wandelnde Leerstelle: „Was sie machte, war von Bedeutung, ihre seltsamen Zeichnungen entsprangen eben nicht einem artifiziellen Drang zum Fantastischen, wie wir es in den Museen und Kunstbüchern gesehen hatten, sondern einer inneren Notwendigkeit.“

          Schweigen, sinnieren, zeichnen – jeden Tag dasselbe. Man denkt unwillkürlich an Ludwig Tiecks Waldeinsamkeit im „Blonden Eckbert“, wo Zeit in Unendlichkeit aufgehoben ist und die Frau des Protagonisten über Jahre unaufhörlich dieselben Dinge verrichtet. Diese Chimäre verpufft bei Krüger allerdings in den Momenten, da das Jugendamt vorbeischaut und anfragt, was es mit der seltsamen Wohngemeinschaft eigentlich auf sich hat. Dann erinnern wir uns daran, dass der Roman, dessen Handlung hauptsächlich aus Exkursen und Reflexionen besteht, in der Realität spielt und kein Märchen ist. Der größte Bestseller des Erzählers trägt übrigens den Titel „Zuerst die Stärken stärken, dann die Schwächen schwächen“. Michael Krüger hat in „Vorübergehende“ zu oft die Schwächen gestärkt und dann die Stärken geschwächt.

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