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Michael Köhlmeier: Madalyn : Duell zweier Lügner

Bild: Verlag

Michael Köhlmeiers neuer Roman ist der Gegenentwurf zu seinem Jahrhundert-Panorama „Abendland“. In „Madalyn“ erforscht der Österreicher die Wirrnisse der ersten großen Liebe.

          Nie wieder wollte er sich in die Angelegenheiten anderer Menschen einmischen, hatte Sebastian Lukasser sich nach der Niederschrift seines letzten Romans geschworen. Das eigene Erleben so gering wie möglich zu halten, mit nichts etwas zu tun zu haben, das sich außerhalb seines Kopfes abspielte, das war sein Ziel. Weil er, der berühmte Schriftsteller aus Wien und Ich-Erzähler dieser Geschichte, im Beschreiben, nicht aber im Teilnehmen sein Glück findet. Und dann steht plötzlich Madalyn vor seiner Tür, das Mädchen mit dem dunklen Wuschelkopf aus der Wohnung unter ihm, das ihn Hals über Kopf hineinzieht in ihr kompliziertes, frühlingserwachendes Teenager-Leben.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Anfangs wehrt er sich noch - „Halt dich raus! Sei ein Egoist, du bist alt genug, du darfst!“, warnen ihn seine Instinkte - doch vergebens. Sebastian Lukassers selbstverordnete Klausnerei, an der schon seine Beziehung zu der Museumskuratorin Evelyn zerbrochen ist, wird von der Vierzehnjährigen aufgewirbelt, als habe eine Windhose den dritten Wiener Bezirk erfasst. Natürlich rettet diese Lolita ihrem Einsiedler damit das Leben, weil sie ihm die Wirklichkeit jenseits der behaglichen Altbauwohnung in der Heumühlgasse aufzwingt. Und er revanchiert sich, indem er sie, die einen Mitschüler unglücklich liebt, davon abhält, auf dem Balkon einen verzweifelten Schritt nach vorn zu tun. Was sich dazwischen ereignet, berückend schöne Momente wie auch Erschütterungen, die eine erste Liebe verlässlich bereithält, all der Zauber des Anfangs und das Zittern der Gedanken, der Größenwahn der Gefühle und das Wirbeln und Schaukeln - das alles beschreibt Michael Köhlmeier wunderbar klar, leicht und liebevoll. Wie kaum ein anderer versteht er es, die Dinge des Lebens zu schildern, ohne dabei je pathetisch oder sentimental zu werden.

          Zwischen Naschmarkt, Schwedenplatz und Donaukanal

          Vor drei Jahren schaffte es der 1949 in Vorarlberg geborene Autor mit seinem Jahrhundert-Panorama „Abendland“ auf die Liste der letzten sechs Romane, die um den Deutschen Buchpreis konkurrierten. Der hochambitionierte Versuch, das Wesen des zwanzigsten Jahrhunderts anhand einer Doppelbiographie zu ergründen, führte auf achthundert Seiten an sämtliche Schauplätze der Welt- und Geistesgeschichte; von Göttingen, dem Mekka der Mathematiker, über das Moskau der Stalin-Ära zu der von den Nationalsozialisten ermordeten Nonne Edith Stein und in den Umkreis von Oppenheimers „Manhattan Project“ hin zu den Nürnberger Prozessen sowie in den Deutschen Herbst nach Frankfurt. Der „Abendland“-Chronist ist ebenjener Schriftsteller Sebastian Lukasser, dem wir in „Madalyn“ aufs Neue begegnen und der nun zum zweiten Mal auf der Longlist des Buchpreises steht.

          „Ich habe die Personen liebgewonnen“, hatte Köhlmeier zum Abschluss der siebenjährigen Arbeit an seinem Opus magnum erklärt, da könne man den Computer nicht einfach zuklappen und sagen: „So, das war's, jetzt seid ihr weg.“ So lässt der Romancier sein Alter Ego nochmals aufleben, diesmal allerdings in einer Geschichte, die sich wie der poetologische Gegenentwurf zu „Abendland“ liest: Denn „Madalyn“, eher lange Erzählung als Roman, besticht auf seinen hundertsiebzig Seiten vor allem durch Begrenzung: Die Ereignisse tragen sich im Sommer des Jahres 2009 in Wien zu, und auch dort eigentlich nur zwischen Naschmarkt, Schwedenplatz und der Urania am Donaukanal. Verlässt einer der Protagonisten doch einmal das vertraute Viertel, etwa in Richtung Donauinsel, dann droht gewiss Unheil.

          Er spinnt seine Lügen in ein Geflecht aus Wahrheiten

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