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Roman „Hotel Dellbrück“ : Jetzt über Sinn sprechen? Keine Lust!

Bekam später im Nationalsozialismus den Namen Hitlers: Die Lange Straße in Lippstadt auf einer Postkarte aus dem Jahr 1934 Bild: Picture-Alliance

Zwischen Katholizismus, Judentum und Bhagwan-Sekte: Michael Görings Geschichtsroman „Hotel Dellbrück“ erweckt die Vergangenheit zum Leben – trotz einiger erzählerischer Schwächen.

          Juden, schreibt Sigmunds Mutter vor ihrem frühen Tod in einem Brief, seien Gottes auserwähltes Volk und daher immer auf der Suche nach ihrem Glück, immer auf dem Weg zu ihrer Heimat. Diese Zeilen sind für die Lebenswege von Sigmund Rosenbaum und dessen Sohn Frido programmatisch. Von beiden erzählt Michael Göring im Generationenroman „Hotel Dellbrück“.

          Es ist das Jahr 1938. Im Alter von fünfzehn Jahren flieht Sigmund aus der westfälischen Heimat Lippstadt mit dem Kindertransport ins britische Wadebridge. Vom Lehrer als „Judenlümmel“ beschimpft, wähnt sein deutscher Pflegevater ihn bei sich im Hotel Dellbrück nicht mehr in Sicherheit. Wie rund zehntausend andere Kinder auch, schickt man ihn fort. Ein methodistisches Ehepaar nimmt den staatenlosen Waisenjungen auf. Es geht ihm gut bei seinen „foster parents“. Sigmund wächst heran, wird Lehrer und kehrt nach dem Krieg zurück nach Deutschland.

          Besuch an einem Junitag im Jahr 2018

          Er gründet eine Familie mit Rile, einer Tochter der katholischen Dellbrücks. Sie erleben Höhen und Tiefen; Affäre, Hausbau und akademische Karriere des Mannes eingeschlossen. Inmitten einer Gesellschaft, die nicht an die Vergangenheit erinnert werden möchte, erforscht Sigmund in seiner Freizeit die Geschichte jüdischer Familien, spricht mit Überlebenden, zeichnet alles auf – und nervt damit bisweilen Frau und Kind.

          Michael Göring: „Hotel Dellbrück“. Roman. 
Osburg Verlag, Hamburg 2018. 420 S., geb., 22,– €.

          Im Vergleich zum strebsamen Vater nimmt sich Sohn Frido als sinnsuchendes Wohlstandskind aus, das nach dem Abi Mitte der siebziger Jahre Siddhartha lesend mit dem Magic Bus nach Indien fährt, Studiengänge abbricht und wiederaufnimmt. Um einen Weg zu sich zu finden, pilgert er zum indischen Guru Bhagwan Osho. Dann wird er erwachsen, geht nach Australien. Als er dreiundsechzig Jahre alt ist, reist Frido nach Deutschland zum Hotel Dellbrück, das inzwischen ein Flüchtlingsheim ist.

          Mit diesem Besuch an einem Junitag im Jahr 2018 setzt der Roman ein. Insgesamt fünfmal kehrt die Erzählung zurück an diesen Tag, der gemeinsam mit dem letzten der einunddreißig Kapitel, das an dessen Folgetag handelt, den ersten Handlungsstrang bildet. Der zweite erzählt chronologisch vom Leben Sigmunds und konzentriert sich im letzten Drittel des Romans auf Frido.

          Gestörter Erzählfluss

          Nicht immer gelingt es Göring, die großangelegte Erzählung kunstvoll zusammenzuhalten. Als Frido bei seinem Besuch im vormaligen Hotel Dellbrück auf einen jungen Flüchtling trifft, der schon im ersten Kapitel nach Fridos Lebensgeschichte fragt, hat der „keine Lust, seine Geschichte zu erzählen“. Mit dieser Erzähltechnik vertagt der Autor häufiger Themen. Jahre später, auf der Fahrt nach Indien, hat der Abiturient „wenig Lust zu reden“, und im Alter hat er bei einem Ausflug mit der Mutter „keine Lust, mit Mutter jetzt über Sinn zu sprechen“. Man könnte dieses Motiv als Charakteristikum Fridos betrachten, wenn nicht auch sein Vater auf einer Zugreise im Jahr 1949 „keine Lust“ hätte, einem Mann im Abteil „seine Geschichte zu erzählen“.

          Bei besagter Zugreise sieht Sigmund schon zum zweiten Mal sein zerbombtes Heimatland, aber erst jetzt passt eine Beschreibung der Verwüstung in die Handlung. Also fragt Sigmund sich, ob er „die Zeugen dieser Katastrophe“ bei seiner letzten Fahrt übersehen habe. Auch sein Sohn fragt sich bei einer Fahrt durch Bombay, ob er das Elend auf den Straßen „1975 bei seiner ersten Indien-Reise auch wahrgenommen“ hatte, um es dann ausführlich zu beschreiben.

          Bisweilen wirkt der Roman inhaltlich so, als solle er das Potential zum politischen und historischen Lehrstück für die neunte Klasse haben – was er zweifelsohne hat. Nur stören die pädagogischen Erkenntnissätze den Erzählfluss: Frido stellt im Gespräch mit dem Flüchtling etwas unvermittelt fest, dass sein Vater Sigmund „wie du als unbegleiteter Jugendlicher aus seinem Heimatland nach England geflohen“ ist. Am Rande eines Abendessens wird die Genese der Stolpersteine eingefügt. Auf einer Reise gen Indien mit Zwischenhalt in Istanbul übt Frido Selbstkritik: „Wieso, fragte er sich, hatte er eigentlich die ganze Zeit geglaubt, außerhalb von Europa sei alles eher grob, schlicht, primitiv und anspruchslos?“

          „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“

          Subtiler hingegen kommt die Suche nach religiöser Identität im Roman zur Sprache. Göring schafft mit „Hotel Dellbrück“ ein Stück narrativer Religionssoziologie: Wie sehr das westfälische katholische Milieu Sigmund geprägt hat, zeigt die Not-Barmizwa nach dem Vorbild einer Not-Taufe, die er allein mit einem jüngeren Flüchtlingsjungen in Großbritannien feiert. Nach Psalm und Lesung macht Sigmund „den Segen mit dem Kreuzzeichen, wie er es früher bei Dechant Schlotmann gesehen hatte, war sich aber nicht sicher, ob das Kreuzzeichen in dieser Situation wirklich richtig war“. Auf seinem Bewerbungsbogen für das Schulamt gibt er an, er sei jüdisch/methodistisch. Sein britischer Pflegevater hatte ihn zur Taufe gedrängt. Zurück in Lippstadt, wird er katholisch – zumindest formal. Zeitlebens bleibt Sigmund auf der Suche nach metaphysischer Heimat. Die jüdische Tradition ist ihm eingeschrieben und bleibt ihm doch fremd.

          Sohn Frido erbt diese Unrast. Er ist ein religiöser Hybrid, eine Mischung aus Christ und Buddhist, etwas jüdisch, vom indischen Guru Bhagwan Osho geprägt und überwiegend Atheist, wie er selbst bekundet. Als das katholische Milieu längst Geschichte ist, fährt Frido mit seiner verwitweten Mutter nach Lourdes. Sie sprechen über Heimat. Sie sagt, Sigmund habe sich mit seiner Forschung zum Schicksal jüdischer Familien „seine geistige Heimat selbst geschaffen“. Als er sich dorthin aufmachte, war sie dünnbesiedelt.

          In einem Gespräch zitiert Sigmund einen Satz des amerikanischen Schriftstellers William Faulkner: „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen.“ Michael Göring hat sie zum Leben erweckt; mit erzählerischen Schwächen, aber zum Leben.

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