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Die Kanzlerin als Roman : Manchmal wär ich auch gern tot

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Die bekannteste Raute der Welt: Angela Merkel im September 2015 beim Bürgerfest im Garten von Schloss Bellevue in Berlin Bild: dpa

Was geht im Kopf von Angela Merkel vor? Der Roman „Die Kanzlerin. Eine Fiktion“ von Konstantin Richter erfindet die bescheuertstmögliche Version.

          6 Min.

          Ein Autor muss sich schon wirklich viel zutrauen, wenn er einen Roman darüber schreibt, was im Kopf von Angela Merkel vorgeht. Denn er muss es sich ja ausdenken in seinem eigenen Kopf, der, nicht böse gemeint, höchstwahrscheinlich nicht so leistungsfähig ist wie der von Angela Merkel.

          Schwierige Aufgabe. Aber na gut. Erstmal ist es ja schön, wenn ein Autor, in diesem Falle Konstantin Richter, Jahrgang 1971, sich einer schwierigen Aufgabe annimmt. Über Männer heißt es in letzter Zeit vermehrt, sie fühlten sich abgehängt, unsicher und orientierungslos. Karrierelustige Frauen, ihr Leben als Start-Up begreifend, bedrohten das Traditionsunternehmen Männlichkeit. Derlei Sorgen hat Konstantin Richter offenbar nicht. Während andere Männer noch als Pick–Up-Artists versuchen, sich in die Köpfe harmloser

          Fußgängerzonenschönheiten einzuwählen, nimmt Richter sich die Bundeskanzlerin vor. Diesmal aber nicht mit den Mitteln eines Politikjournalisten, wie er es in der Vergangenheit ein paar Mal etwa bei „Politico“ getan hat, sondern nun als Romanautor.

          Schon im Juni vergangenen Jahres veröffentlichte Richter einen Artikel bei „Politico“, in dem er feststellte, Merkels Mühen während der Flüchtlingskrise seien Stoff für einen „packenden Roman“, den er dann auch sogleich skizzierte. Kern der Geschichte wäre, dass die Bundeskanzlerin als Pragmatikerin gezeigt würde, die einmal im Leben auf ihr Herz hört, versucht, die Dinge anders zu machen als sonst – und scheitert. „Das ist die Art von Aufstieg-und-Fall-Geschichte, die jeder gerne liest“, lobte Richter seine Idee damals. Nun hat er diese Geschichte auf 176 Seiten ausgebreitet.

          Dies ist ein Roman und damit erfunden

          Ganz vorne rein in „Die Kanzlerin. Eine Fiktion“ hat der Verlag zur Sicherheit geschrieben: „Dies ist ein Roman und damit Fiktion und keine Dokumentation tatsächlicher Geschehnisse.“ Wäre man allerdings auch so drauf gekommen. Die schönsten Geschichten schreibt halt das Leben, die schlechtesten immer ein Autor, der seine Fähigkeiten überschätzt.

          Dabei ist die Sache superinteressant. Wer läse nicht gern darüber, was die Kanzlerin hinter den Kulissen tat und dachte, während Deutschland über die Flüchtlinge stritt? Das Sachbuch „Die Getriebenen“, dessen Autor genau dazu recherchiert hat, verkauft sich gerade wie wild. Auch Richters Buch, sein drittes, weckt die Neugier; das Leben ist schließlich keine Meldungsspalte. Aber es ist eben auch keine Witzeseite mit Redaktionsschluss 1970, und eines der größten Probleme des Romans „Die Kanzlerin“ ist, dass der Autor lustig sein will, indem er die Kanzlerin zur Witzfigur macht.

          Die Erzählung setzt ein im Juli 2015. Angela Merkel, die auch im Buch Angela Merkel heißt, besucht mit ihrem Mann die Bayreuther Festspiele, genauer die Aufführung von „Tristan und Isolde“. Das hatte die Kanzlerin, also die echte, tatsächlich getan. Kein aufregender Abend. Am aufregendsten war gewesen, dass Merkel vom Stuhl fiel. Die „Bild“ meldete zunächst, die Kanzlerin sei ohnmächtig geworden, korrigierte das aber, nachdem Merkels Pressesprecher mitgeteilt hatte, der Stuhl sei zusammengebrochen, nicht seine Chefin, und Augenzeugen davon berichteten, dass besagter Stuhl „in mehrere Teile zerborsten“ sei.

          Richter findet aber die Version mit der ohnmächtigen Kanzlerin besser. Dramaturgisch so mittel steuert er auf den großen Zusammenbruch zu. Seite 6: „Die Kanzlerin presste den Po gegen die Lehne des Stuhls, um aufrecht zu sitzen, wenn das Vorspiel begann. Ihr Kleid spannte.“ Seite 15: „Sie schwitzte stark. Das Kleid zwickte. Sie lehnte sich vor. Sie lehnte sich wieder zurück. Sie schloss die Augen. Sie hielt durch.“ Aber nicht lange, denn weiter unten auf Seite 15, der Erste Aufzug ist endlich vorbei, „war ihr komisch zumute“, sie sah „flimmernde Punkte, ihr Blickfeld verengte sich, es wurde düster“, und dann, auf Seite 16, passiert es: „Theatralisch, wie sie dachte, sank sie zu Boden, dann war da nichts mehr. Bloß Farben. Überirdisch leuchtend. Und pures Glück.“ Was? Naja: Man kann als Leser schon froh sein, dass der sogenannte Po nicht nochmal Erwähnung findet.

          Die Kanzlerin 2015 in Bayreuth, ihrem Glück angemessen Ausdruck verleihend.
          Die Kanzlerin 2015 in Bayreuth, ihrem Glück angemessen Ausdruck verleihend. : Bild: dpa

          Anstatt es bei solchen Bierzeitungs-Phantasien zu belassen, wird Richter dann aber gemein. Er schreibt, Merkel leide an einer chronischen Krankheit: dem Restless-Legs-Syndrom. Das gibt es wirklich. Die Deutsche Restless-Legs-Vereinigung beschreibt es als ein Leiden, bei dem Schmerzen in den Beinen zu ständigem Schlafmangel führen. Der Betroffene fühle sich „immer müde und zermürbt“, was zu körperlicher und seelischer Erschöpfung führen könne, schlimmstenfalls zu schweren Depressionen. Konstantin Richter also: „In letzter Zeit war die Kanzlerin oft gereizt, unmotiviert, antriebsarm.“ Aber sie wolle sich nun mal nicht ärztlich behandeln lassen.

          Stattdessen denke sie bei sich: „Ich kann mich nicht auf komplizierte Gespräche konzentrieren, wenn die Beine jucken. Manchmal möchte ich alles hinschmeißen und was ganz anderes machen. Manchmal wär ich gern UNO-Generalsekretärin in New York. Manchmal wär ich auch gern tot.“

          Jeden Tag komplizierte Gespräche

          Den letzten Satz kann man als Leser, der da weiterlesen muss, nur unterschreiben. Denn ein Roman wie „Die Kanzlerin“ kann ja bloß dann überhaupt funktionieren, wenn er das, was niemand über die Kanzlerin weiß und was sich der Autor also ausdenkt, so mit dem zusammenfügt, was jeder weiß, dass es noch Sinn ergibt. Das geht aber spätestens jetzt nicht mehr. Die Kanzlerin führt jeden Tag komplizierte Gespräche, zum Beispiel zu den Themen Brexit, Türkei-Spionage und Große Koalition, und allein die Namen der Gremien im Kopf zu behalten, mit denen sie diese Woche zusammensaß (zum Beispiel mit dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung), erfordert mehr Konzentration, als die meisten Menschen aufbringen. Dieser Satz war jetzt absichtlich so lang. Angela Merkel muss jeden Tag noch viel längere Sätze lesen und verstehen. Und auf einmal soll man sich vorstellen, eigentlich juckten ihr die Beine und sie verstehe gar nichts?

          Wert auf Logik scheint Richter ohnehin nicht zu legen, wie der folgende Satz beispielhaft zeigen mag: „Die Kanzlerin hatte deshalb sowohl die Fähigkeit verloren, Glück zu empfinden, wie auch, dem Glück (wenn sie welches empfand) einen angemessenen Ausdruck zu verleihen.“ Man müsste sich darüber gar nicht ärgern, wenn es nicht typisch wäre für eine Geisteshaltung, die alles, was sie nicht versteht oder verstehen will, als krank, kaputt, gestört charakterisiert.

          Das betrifft die Deutungen von Politik auch und vor allem außerhalb von Romanen, zum Beispiel in Zeitungen und Facebook-Kommentaren, aber hier nun eben auch mal in einem Roman. Wer bestimmt denn, was der angemessene Ausdruck von Glück ist? Wer am vergangenen Montag, einen Tag nach der für die CDU sehr erfolgreichen Saarland-Wahl, in Angela Merkels Gesicht schaute, als sie im Konrad-Adenauer-Haus auftrat, wusste sofort, dass sie sich freute. Muss sie erst „Geile Sache“ brüllen, damit es auch der Letzte versteht? Sie sagte stattdessen einen wunderschönen, bescheidenen und doch fröhlichen Satz: „An einem Tag wie gestern muss man wenig traurig sein.“ Viele Deutsche wissen diesen Stil zu schätzen. Vielleicht reden sie selbst nicht so. Aber sie wählen eine Frau, die so redet, zur Kanzlerin.

          Doch zurück zur Kanzlerin mit den kribbelnden Beinen. Bevor es zu dem Wochenende im September 2015 kommt, an dem sie die Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland einreisen ließ, streut Richter noch ein paar Informationen über Merkel ein, die er offensichtlich Merkel-Biografien entnommen hat. Jedenfalls sichert er entsprechende Passagen ab mit Formulierungen wie „In fast jeder Biografie konnte man nachlesen, dass“ oder „das hatten ihre Biografen auch schon bemerkt“ oder „Sie ging zum Büroregal, wo die Biografien in einer Reihe standen“ und „schlug die besagte Geschichte nach“, ja, so steht es da echt, die Kanzlerin schlägt ihre eigenen Erlebnisse in Biografien über sich nach, denn „sie hatte schlichtweg zu viel gelesen und wusste nicht mehr, woran sie sich selbst erinnerte und was sie bloß bei Langguth, Boysen und Roll über sich erfahren hatte“.

          Der Autor von  „Die Kanzlerin. Eine Fiktion“: Konstantin Richter
          Der Autor von „Die Kanzlerin. Eine Fiktion“: Konstantin Richter : Bild: Steffen Jänicke

          Dieses Strebertum des Autors – „Hallo, ich habe ernsthafte Bücher über die Kanzlerin gelesen“ – wirkt zwischen den albernen Erfindungen über sie fast schon lustig. Um dem Glück des Lesers über diese Lustigkeit mal einen angemessenen Ausdruck zu verleihen: ha, ha.

          Man kann die Sache an dieser Stelle abkürzen: Die Kanzlerin lässt die Flüchtlinge einreisen. Richter beschreibt, wie sie sich am darauffolgenden Montag ihren Mitarbeitern im Kanzleramt erklärt: „In bestimmten, ja, sagen wir ruhig, historischen Momenten sei es vielleicht ratsamer, dem Instinkt zu folgen und erst dann mit dem Nachdenken zu beginnen, wenn man die Entscheidung schon hinter sich habe.“ Zuvor hatte sie schon Seehofer, den Mahner, „unbekümmert“ mit den Worten abgefertigt: „Mach dir keine Sorgen, Horst, wir schaffen das schon.“ Und zwar, weil ihr „einfach nicht danach“ war, zu argumentieren.

          Aufs SMS-Schreiben hat sie nun auch keine Lust mehr, und wenn sie was schreibt, dann „leicht verspielte Bemerkungen, die sie stets mit einem Emoticon versah“. Vielleicht gibt es Leute, die das lustig finden, Leute finden ja auch Filme wie die „Wanderhure“ gut.

          Trotzdem ist der Roman „Die Kanzlerin“ kein Beleg dafür, dass es falsch wäre, Romane über lebende Politiker zu schreiben. Auch nicht dafür, dass es falsch wäre, die Kanzlerin und ihre Politik zu kritisieren. Aber schon dafür, dass die alten Lästereien von der ewig gefühlskalten, dann irrational barmherzigen Merkel nicht überzeugender werden, wenn man nur ein paar Anekdoten (Joachim Sauer bestätigt ihr, die heulend in seinen Armen liegt, schließlich, dass sie Fehler gemacht habe) drum herum erfindet.

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