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Die Kanzlerin als Roman : Manchmal wär ich auch gern tot

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Das betrifft die Deutungen von Politik auch und vor allem außerhalb von Romanen, zum Beispiel in Zeitungen und Facebook-Kommentaren, aber hier nun eben auch mal in einem Roman. Wer bestimmt denn, was der angemessene Ausdruck von Glück ist? Wer am vergangenen Montag, einen Tag nach der für die CDU sehr erfolgreichen Saarland-Wahl, in Angela Merkels Gesicht schaute, als sie im Konrad-Adenauer-Haus auftrat, wusste sofort, dass sie sich freute. Muss sie erst „Geile Sache“ brüllen, damit es auch der Letzte versteht? Sie sagte stattdessen einen wunderschönen, bescheidenen und doch fröhlichen Satz: „An einem Tag wie gestern muss man wenig traurig sein.“ Viele Deutsche wissen diesen Stil zu schätzen. Vielleicht reden sie selbst nicht so. Aber sie wählen eine Frau, die so redet, zur Kanzlerin.

Doch zurück zur Kanzlerin mit den kribbelnden Beinen. Bevor es zu dem Wochenende im September 2015 kommt, an dem sie die Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland einreisen ließ, streut Richter noch ein paar Informationen über Merkel ein, die er offensichtlich Merkel-Biografien entnommen hat. Jedenfalls sichert er entsprechende Passagen ab mit Formulierungen wie „In fast jeder Biografie konnte man nachlesen, dass“ oder „das hatten ihre Biografen auch schon bemerkt“ oder „Sie ging zum Büroregal, wo die Biografien in einer Reihe standen“ und „schlug die besagte Geschichte nach“, ja, so steht es da echt, die Kanzlerin schlägt ihre eigenen Erlebnisse in Biografien über sich nach, denn „sie hatte schlichtweg zu viel gelesen und wusste nicht mehr, woran sie sich selbst erinnerte und was sie bloß bei Langguth, Boysen und Roll über sich erfahren hatte“.

Der Autor von  „Die Kanzlerin. Eine Fiktion“: Konstantin Richter
Der Autor von „Die Kanzlerin. Eine Fiktion“: Konstantin Richter : Bild: Steffen Jänicke

Dieses Strebertum des Autors – „Hallo, ich habe ernsthafte Bücher über die Kanzlerin gelesen“ – wirkt zwischen den albernen Erfindungen über sie fast schon lustig. Um dem Glück des Lesers über diese Lustigkeit mal einen angemessenen Ausdruck zu verleihen: ha, ha.

Man kann die Sache an dieser Stelle abkürzen: Die Kanzlerin lässt die Flüchtlinge einreisen. Richter beschreibt, wie sie sich am darauffolgenden Montag ihren Mitarbeitern im Kanzleramt erklärt: „In bestimmten, ja, sagen wir ruhig, historischen Momenten sei es vielleicht ratsamer, dem Instinkt zu folgen und erst dann mit dem Nachdenken zu beginnen, wenn man die Entscheidung schon hinter sich habe.“ Zuvor hatte sie schon Seehofer, den Mahner, „unbekümmert“ mit den Worten abgefertigt: „Mach dir keine Sorgen, Horst, wir schaffen das schon.“ Und zwar, weil ihr „einfach nicht danach“ war, zu argumentieren.

Aufs SMS-Schreiben hat sie nun auch keine Lust mehr, und wenn sie was schreibt, dann „leicht verspielte Bemerkungen, die sie stets mit einem Emoticon versah“. Vielleicht gibt es Leute, die das lustig finden, Leute finden ja auch Filme wie die „Wanderhure“ gut.

Trotzdem ist der Roman „Die Kanzlerin“ kein Beleg dafür, dass es falsch wäre, Romane über lebende Politiker zu schreiben. Auch nicht dafür, dass es falsch wäre, die Kanzlerin und ihre Politik zu kritisieren. Aber schon dafür, dass die alten Lästereien von der ewig gefühlskalten, dann irrational barmherzigen Merkel nicht überzeugender werden, wenn man nur ein paar Anekdoten (Joachim Sauer bestätigt ihr, die heulend in seinen Armen liegt, schließlich, dass sie Fehler gemacht habe) drum herum erfindet.

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