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: Menschenfleisch aus Teufels Küche

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Es wird vermutlich eine Menge Leser geben, die Bücher von Ross Thomas kennen, ohne Ross Thomas wirklich gelesen zu haben. Wer von amerikanischen Autoren, die man dem Genre des Kriminalromans zuordnet, reden will, der muss in Deutschland wie ein Detektiv ermitteln, in welcher Fassung er sie gelesen ...

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          Es wird vermutlich eine Menge Leser geben, die Bücher von Ross Thomas kennen, ohne Ross Thomas wirklich gelesen zu haben. Wer von amerikanischen Autoren, die man dem Genre des Kriminalromans zuordnet, reden will, der muss in Deutschland wie ein Detektiv ermitteln, in welcher Fassung er sie gelesen hat. Ross Thomas fiel erst dem Ullstein-Verlag in die Hände, seine Bücher wurden sinnfrei zusammengestrichen, damit sie den Standardumfang nicht überschritten, dämliche Titel wurden erfunden, und die Übersetzungen waren von bemerkenswerter Lieblosigkeit. Auf Ullstein folgte Heyne, besser wurde dadurch nichts, dann kam Haffmans - und meldete 2001 Insolvenz an.

          Nun hat der Berliner Alexander-Verlag die Sache in die Hand genommen, jener Verlag also, in dem schon die neue Jörg-Fauser-Edition ihre Heimat gefunden hat und der auch die großartigen Romane von Charles Willeford neu bearbeitet hat. Fünf Romane von Ross Thomas (von insgesamt 25) liegen inzwischen in stark überarbeiteten Ausgaben vor. Damit wird man nicht reich und berühmt, aber man rehabilitiert einen Autor, der in Amerika immer den Ruf hatte, den er verdiente. Ross Thomas, der 1995 im Alter von 69 Jahren starb, hat sogenannte Politthriller geschrieben, wozu sein begeisterter Leser Jörg Fauser das Nötige gesagt hat: Sie seien "eine diabolische Analyse unserer politischen Verhältnisse". Und vor allem hat Thomas gewusst, wovon er erzählte. Erst mit vierzig Jahren veröffentlichte er seinen ersten Roman, "Kälter als der kalte Krieg", einen Spionage-Bericht aus Bonn (und Ost-Berlin). Vorher hatte er genug für ein paar Dutzend Bücher erlebt. Er war im Zweiten Weltkrieg auf den Philippinen, danach Reporter in Louisiana, er baute in Bonn das Büro des Radiosenders American Forces Networks auf, er war Politikberater in Colorado, auch in Nigeria, er war Ghostwriter und arbeitete für Lyndon B. Johnson.

          In der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität, in den Lücken, welche das Gesetz lässt, in den Hinterzimmern der Macht spielt auch "Missionary Stew" (1983), die jüngste Neubearbeitung - Missionarsragout heißt das Buch, weil einer der Helden in einer afrikanischen Diktatur im Knast gesessen hat, wo auch schon mal Menschenfleisch auf den Tisch kam; mit dem deutschen Titel "Teufels Küche" kann man ganz gut leben, deutlich besser als mit Ullsteins "Mördermission". Man ist ohnehin sofort gefangen, wenn man die ersten Sätze liest. Es beginnt harmlos, kühl und sehr präzise wie der Blick einer Überwachungskamera: "An einem kalten, nassen Novembernachmittag kam er mit dem Flugzeug in Paris, seiner Geburtsstadt, an. Er kam aus Äquatorialafrika, trug eine grüne Polyesterhose, ein weißes T-Shirt, das argwöhnisch die Frage stellte: ,Have You Eaten Your Honey Today?', und eine maschinengestrickte Wolljacke, deren Farbe, wie er schließlich entschieden hatte, Mauve war."

          Mit dem Flugzeug, wie Morgan Citron, landet auch Draper Haere, "der Geldbeschaffer" im Roman, und was man bei beider erstem Auftritt erfährt, reicht aus, um zu wissen: man wird eine Menge Spaß und Spannung haben und nicht eher aufhören zu lesen, bis die letzte Karte aufgedeckt ist.

          Ross Thomas' Bücher haben eine perfekte Ökonomie der Beschreibung. Er ist ungeheuer akribisch, wo es zwingend ist. Oft lässt er die Einrichtung eine Person charakterisieren, weil sie mehr erzählt als eine steckbriefgenaue Beschreibung. Haere, der "das Gesicht eines Märtyrers und den Körper eines Athleten" hat, wohnt in einer riesigen Einraumwohnung in Venice Beach voller historischer, aber gar nicht zueinander passender Möbelstücke. Er ist Beschaffer, Berater, Spin Doctor, er hat viele Talente, die im Halbschatten blühen, und der ehemalige Journalist Morgan Citron - wieder einer dieser lustigen, grellen Namen wie Velveeta Keats, seine Freundin, oder der Polizist Ovid Knox in "Die im Dunklen" - ist genau der richtige Partner, um einem schmutzigen kleinen Militärputsch in Amerikas Hinterhof auf die Spur zu kommen, von dem ein möglicher amerikanischer Präsidentschaftskandidat profitieren könnte.

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