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Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf : Ein Krieg ist ein Krieg, ein Arbeitslager ist ein Arbeitslager

Bild: Verlag

Hier bleibt nichts im Ungefähren: So malerisch Melinda Nadj Abonji in ihrem Roman das alte Jugoslawien und die moderne Schweiz beschreibt, so zwingend und direkt arbeitet sie die Gefühlslagen ihrer Protagonisten heraus.

          3 Min.

          Wenn sie diese Sprache durchhält, denkt man sich nach dem ersten Satz, der auch der erste Absatz ist, wenn sie das schafft, dann kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Und weil er so schön ist, sei dieser erste Satz aus „Tauben fliegen auf“ vollständig zitiert: „Als wir nun endlich mit unserem amerikanischen Wagen einfahren, einem tiefbraunen Chevrolet, schokoladenfarben, könnte man sagen, brennt die Sonne unbarmherzig auf die Kleinstadt, hat die Sonne die Schatten der Häuser und Bäume beinahe restlos aufgefressen, zur Mittagszeit also fahren wir ein, recken unsere Hälse, um zu sehen, ob alles noch da ist, ob alles noch so ist wie im letzten Sommer.“

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Wir, das sind Ildiko, die Erzählerin, ihre Schwester Nomi, die Mutter und der Vater, der sich immer wieder in seinen Bunker aus Schnaps zurückzieht, wenn ihm alles zu viel wird. Die Kleinstadt liegt im Norden Serbiens, sie ist die Heimat für die Familie Koscis, Angehörige der ungarischen Minderheit in der Vojvodina, die mittlerweile in der Schweiz lebt, Schweizer Pässe besitzt und sich dort hochgearbeitet hat. Nach der Wäscherei eine kleine Cafeteria, dann ein großes, alteingesessenes Café in bester, wohlhabender Seelage. Die Koscis haben es geschafft, so scheint es jedenfalls, aber so ganz gehören sie doch nicht dazu in diesem reichen, satten Land, die Eltern nicht und auch nicht die Kinder. Ildiko und Nomi steckt noch zu viel vom bäuerlichen Landleben in den Knochen, zu viel Politik in der Familiengeschichte, als dass sie sich nahtlos in die vage rebellierende Alternativkultur der Schweizer Jugend einpassen könnten.

          Der letzte heiße Sommer

          Auf den ersten Blick ist alles noch so wie im letzten Sommer in der heißen Kleinstadt, Mamika ist noch da, es gibt Traubisoda zum Trinken, und die Hochzeiten werden ausschweifend gefeiert wie eh und je. Das Dorfleben, das Melinda Nadj Abonji, die Schweizer Autorin mit dem serbischen Hintergrund, so prall und präzise beschreibt, ist noch das gleiche. Und doch hat die Idylle Risse bekommen: Tito ist seit drei Monaten tot, Vater und Onkel politisieren zunehmend aggressiver, was nicht allein am Schnaps liegt. Die beiden Kinder erfahren, dass sie eine achtzehnjährige Halbschwester haben, und das wird nicht das letzte Familiengeheimnis bleiben, das im Laufe des Romans gelüftet wird. Oft fällt es Eltern und Verwandten schwer, über das zu sprechen, was vorgefallen ist. Meist erfahren die Kinder es beiläufig, und es hilft ihnen ein wenig, ihre Eltern zu verstehen, die Auswanderung, ihren verbissenen Arbeitswillen. Und die schweigende Demut, mit der sie immer wieder fremdenfeindliche Äußerungen hinnehmen.

          Melinda Nadj Abonji
          Melinda Nadj Abonji : Bild: Gaetan Bally

          Was nach Titos Tod folgt, ist bekannt: der Zerfall Jugoslawiens, der Krieg, die Flucht. Und dieser Krieg zwingt jeden, die Familie Koscis ebenso wie die Serviererin Dragana, sich zu einer Volksgruppe zu bekennen, für die sie ihre Männer in den Krieg schickt. „Und es ist absurd und absolut möglich, dass einer meiner Cousins desertiert, weil er als Ungar nicht in der jugoslawischen Volksarmee kämpfen will, und es kann sein, dass ihn einer von Draganas Cousins erschießt, weil er bei der jugoslawischen Volksarmee kämpft und Deserteure erschossen werden; es kann aber auch sein, dass einer von Draganas Cousins desertiert, weil er sich als Bosnier fühlt, als bosnischer Serbe nicht in der jugoslawischen Volksarmee kämpfen will, es kann sein, dass dann mein Cousin Draganas Cousin erschießt, weil mein Cousin nicht desertiert ist, für die jugoslawische Volksarmee kämpft, um vielleicht sein eigenes Leben zu retten; aber möglicherweise werden beide erschossen, von einem Muslim, einem Kroaten, einem Blindgänger, von einer Mine zerfetzt, irgendwo, an einem unbekannten Ort, im Niemandsland, während wir hier zusammen Brötchen streichen, in unserer Küche.“

          Der Krieg bricht bis in die Küche ein

          Und sogar dort, in die Küche, bricht der Krieg ein und per Telefon auch ins heimische Wohnzimmer. Das Sehnsuchtsland der Kinder, das Paradies mit Mamika und Traubisoda ist ein für alle Mal verloren. Mit einem Mal hat jeder eine Meinung zum Krieg, es ist nicht mehr nur der Vater, der mit dem Onkel politisiert. Es ist nun jeder, auch jeder in der Schweiz, der zum Balkanexperten wird und am Kaffeetisch über Tito schwadroniert. Ildiko sollte Dankbarkeit oder Erleichterung empfinden, dort nicht mehr leben zu müssen, aber es gelingt ihr nicht. Alles, was sie empfindet, ist Sehnsucht; und Hilflosigkeit angesichts des Schicksals ihrer Verwandten im Kriegsgebiet.

          Das Dasein zwischen drei Kulturen, zwischen Ungarn, Serbien und der Schweiz, wird durch den Krieg unerträglich. Ildiko fällt es immer schwerer, im Café gegenüber den Gästen ihr Servicegesicht aufrechtzuerhalten, das nette Servierfräulein zu sein, das mit einem Lächeln den Kaffee bringt. Ihre Eltern haben gearbeitet, damit sie es einmal besser hat, aber ein Ziel für ihr Leben, eine Richtung muss sie sich dennoch selbst suchen. Der Konflikt Ildikos scheint kompliziert, aber Abonji macht es einem leicht, sich in ihre Erzählerin einzufühlen. So klangvoll und malerisch ihre Sprache das alte Jugoslawien und die moderne Schweiz umschreibt, so zwingend und direkt arbeitet sie die Motivationen und Gefühlslagen Ildikos, Nomis und ihrer Angehörigen heraus.

          Nichts bleibt hier harmlos

          Hier bleibt nichts im Ungefähren stecken, nichts bleibt harmlos, die Dinge werden beim Namen genannt. Es tut der Geschichte gut, dass nicht Wetterlagen, Tiere oder Gegenstände herhalten müssen, um Konflikte und Ängste zu verkörpern: Ein Krieg ist ein Krieg, ein Arbeitslager ist ein Arbeitslager. Und über all die Direktheit legt sich diese Sprache, melodisch und zwingend, der man gern folgt, bis zum Schluss des Buches. Bis Ildiko vielleicht doch noch eine Lösung findet, zwar nicht für den Konflikt am Balkan, aber für ihr eigenes Leben. Für diese Leistung ist Melinda Nadj Abonjis Roman auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gesetzt worden – völlig zu Recht.

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