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: Meine Haut wie ein Sieb

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Manchmal gibt es so etwas wie eine späte Gerechtigkeit in der Literatur, und ein verschollenes oder vergessenes Werk wird wiederentdeckt. Das versäumte Leben eines Buches kehrt freilich nicht zurück, und die späte Rehabilitierung gelingt nicht immer. Wie heikel sie sein kann, zeigt der Fall des rumänischen Juden M.

          Manchmal gibt es so etwas wie eine späte Gerechtigkeit in der Literatur, und ein verschollenes oder vergessenes Werk wird wiederentdeckt. Das versäumte Leben eines Buches kehrt freilich nicht zurück, und die späte Rehabilitierung gelingt nicht immer. Wie heikel sie sein kann, zeigt der Fall des rumänischen Juden M. Blecher und seines 1936 erstmals erschienenen Buches "Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit".

          Blechers "Vorkommnisse aus der unmittelbaren Unwirklichkeit", wie der Originaltitel zu übersetzen wäre, fanden seinerzeit in der jungen existentialistisch gestimmten Avantgarde Rumäniens begeisterte Zustimmung. Blecher wollte Dalís Malerei in Literatur verwandeln, ihren Wahnsinn "lesbar und wesentlich" machen. Eugène Ionesco rühmte die "außergewöhnlichen Erfahrungen", die das Buch vermittelte. Ruhm und Karriere schienen dem jungen Autor zu winken. Doch sein früher Tod - Blecher starb 1938 mit neunundzwanzig Jahren - und die Ereignisse von Faschismus und Stalinismus brachen die Rezeption seines Werkes ab.

          Erst 1970, in der kurzen Tauwetterperiode, wurde "Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit" in Rumänien wieder verlegt. 1972 erschien, durch Maurice Nadeau veranlaßt, eine französische Übersetzung. Ernest Wichner übersetzte das Buch 1990 für die Berliner Edition Plasma. Ein Echo gab es nicht. Man kann nur hoffen, daß die jetzt erschienene Neuausgabe in der Bibliothek Suhrkamp die Lage ändert. Herta Müller hat dem Band ein leidenschaftliches Plädoyer mitgegeben, das mit der Literaturpolitik der beiden rumänischen Diktaturen abrechnet. "Wahrscheinlich fürchtete man sich vor diesem Buch", schreibt sie, "weil es einer beklemmenden Wahrhaftigkeit das Wort redet."

          Es ist ein Dichter, kein politischer Autor, den Herta Müller uns vorstellt. Blecher, der sich in seinen Briefen Max oder Marcel nannte, sich als Schriftsteller aber mit dem Initial M. begnügte, stammte aus einer Fabrikantenfamilie und wurde 1909 in dem Städtchen Botosani in Nordostrumänien geboren. Er ging zum Medizinstudium nach Paris, erkrankte aber mit neunzehn an Knochentuberkulose und verbrachte sein weiteres kurzes Leben hauptsächlich in Krankenhäusern und Sanatorien. Entsprechend kurz war seine literarische Laufbahn.

          Durch den großen Lyriker Tudor Arghezi entdeckt, hat Blecher ab 1930 Skizzen und Aphorismen veröffentlicht sowie Essays über Blake und Kierkegaard. Im Umkreis André Bretons erschienen seine Übersetzungen von Guillaume Apollinaire und Richard Aldington. Mit siebenundzwanzig, bereits durch seine Krankheit geschwächt, schrieb er den Text "Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit". Voraufgegangen war 1934 ein Gedichtband ("Corp transparent"). 1937 erschien ein zweiter Roman: die an der französischen Kanalküste spielende Sanatoriumsgeschichte "Vernarbte Herzen". Bei seinem Tod hinterließ Blecher Aufzeichnungen und Skizzen mit dem Titel "Beleuchtete Höhlen". In Bukarest erschien 1999 eine Werkausgabe und 2000 die vollständige Korrespondenz. Ein kurzes Leben, aber ein beträchtliches OEuvre.

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