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: Mein Weibchen ist total Banane

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Früher, als die Dinge noch einigermaßen klar geordnet waren, ging die Geschichte so: Ein junger Engländer kommt in die deutsche Kleinstadt, er ist ein flotter Tänzer und eleganter Herr, ein bisschen exzentrisch zwar, aber einem Ausländer sieht man derlei nach. Allmählich macht sein Beispiel Schule ...

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          Früher, als die Dinge noch einigermaßen klar geordnet waren, ging die Geschichte so: Ein junger Engländer kommt in die deutsche Kleinstadt, er ist ein flotter Tänzer und eleganter Herr, ein bisschen exzentrisch zwar, aber einem Ausländer sieht man derlei nach. Allmählich macht sein Beispiel Schule unter den jungen Leuten, man imitiert, man lässt sich gehen, und die Honoratioren der Stadt sehen angestrengt darüber hinweg. Zum Eklat kommt es erst, als der väterliche Freund des Engländers abreist und sein Mündel zurücklässt - schon die leicht geöffnete Halsbinde des jungen Mannes enthemmt ihn wenig später völlig, er reißt sich auf dem großen Ball die Kleider vom Leib, hüpft über Tische und Bänke, und seine wahre Natur ist nun so offensichtlich, dass es die Abschiedsbotschaft seines Mentors an die Kleinstädter gar nicht gebraucht hätte: "Der Affe sehr possierlich ist, / Zumal wann er vom Apfel frisst."

          So steht es in Wilhelm Hauffs Satire "Der Affe als Mensch" von 1826, und von da an wurde die Diskussion über das Menschliche im Affen und das Äffische im Menschen in immer kürzeren Abständen und zunehmend kontrovers geführt: Können Affen rechnen? Können sie Werkzeug gebrauchen, eine Sprache entwickeln, sind sie bestechlich, führen sie Kriege? Die phantastische Literatur griff das Thema begierig auf und tauschte, wie etwa im "Planet der Affen", die Vorzeichen gern um: Der Mensch, ein verkümmerter Vetter der äffischen Sieger im evolutionären Wettlauf?

          Ein Autor namens Cornelius Medvei, der laut der vom Verlag verbreiteten Vita - ein Foto scheint es nicht zu geben - 1977 in England geboren wurde, in China als Lehrer arbeitete und jetzt, wieder in London lebend, seinen ersten Roman vorlegte, fügt dem Sujet nun eine neue Nuance zu: "Mr Thundermug" heißt sein schmales Debüt, es schildert den Leidensweg eines Pavians in einer von Menschen dominierten Umgebung, der davon bestimmt wird, dass der Pavian, im Gegensatz zu seiner Familie, eindeutig menschliche Züge trägt.

          Mr Thundermug spricht, äußerst eloquent sogar, und wenn er am Ende, in der Szene, auf die das Buch unübersehbar zusteuert, seinen Auftritt als Angeklagter vor Gericht (wegen öffentlicher Entblößung) in eine furiose Verteidigung seiner Eigenarten verwandelt, rührt er sein menschliches Publikum in einer Weise an, die geeignet wäre, den Neid ganzer Theaterensembles zu erregen.

          Thundermug eckt an, weil er, unter Menschen wohnend, ihre Gebräuche ernst nimmt - er schickt seine Kinder zur Schule, auch wenn sie dort als ausgesprochen schlechte Beispiele nichts als Chaos erzeugen, er setzt sich mit den wunderlichen Vorschriften auseinander, die in seiner Stadt gelten, und er nimmt sogar den Fehdehandschuh des Wohnungsunternehmens auf, dessen Besitz er unrechtmäßig nutzt. Und sein Scheitern in der Rolle des angepassten Mitbürgers wurzelt nicht zuletzt darin, dass er zwar plaudern, nicht aber lesen kann und so an wichtigen Übereinkommen der Menschen keinen Anteil hat.

          Doch natürlich sind die Brüche, die sich zwischen Thundermug und seiner menschlichen Umgebung auftun, nichts gegen die Verwerfungen im Inneren des Pavians, der kaum zu wissen scheint, wo er nun hingehört. Deutlich wird das etwa im Verhältnis Thundermugs zu seiner Familie, die sich längst für ein Leben als Tiere unter Menschen entschieden hat. Sie landet schließlich im Zoo, und der Besuch des zerrissenen Einzelgängers bei Frau und Kindern bildet dann den resignativen Abgesang des Romans. "Schließlich aber stand er vor dem richtigen Käfig", heißt es in Sabine Roths ebenso schöner wie flüssiger Übersetzung, "und erblickte durch die Gitterstäbe seine Frau und seine Kinder. Sie waren die einzigen Paviane im Zoo und hatten den Käfig für sich. Angus und Trudy jagten knurrend und keuchend durch den Käfig und spielten Fangen, während Mrs Thundermug auf einem Steinbrocken auf und ab hopste, der so groß war wie sie selbst, offenbar in dem Versuch, ihn umzukippen; die Schreie, die sie dabei ausstieß, klangen halb nach Katze und halb nach Baby." Thundermug hat ihr Ohr genau so lange, wie er die mitgebrachten Bananen verteilt, seine Versicherung, er wurde nun für eine Weile nicht mehr zu Besuch kommen, verhallt ungehört.

          Was bleibt ihm noch? Am Anfang des Buches ist von einem Affenforscher namens Alphonsus Rotz die Rede, der bei einer Feldforschungskampagne ganz offensichtlich die Grenzen zwischen beobachtendem Subjekt und beobachtetem Objekt überschreitet, der mit den Pavianen lebt, der sich ernährt wie sie und, wie es unverblümt heißt, an ihren Brunstritualen teilnimmt, der ihre Kinder hütet und nach neunzehn Jahren dann "aus persönlichen Gründen" wieder unter die Menschen geht. Was immer Thundermug mit ihm verbinden mag, der Affenforscher stirbt oder verschwindet spurlos und lässt den Pavian als einzigen Grenzgänger zwischen den Welten zurück. Hauffs junger Engländer wandert als Schaustück in ein Naturalienkabinett. Thundermug dagegen setzt seine Hoffnung auf die Liebe einer jungen Lehrerin, die seine Kinder unterrichtet hatte. Von da an verliert sich seine Spur.

          - Cornelius Medvei: "Mr Thundermug". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Sabine Roth. Verlag C. H. Beck, München 2008. 118 S., 19 Abb., geb., 12,90 [Euro].

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