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: Mein Vater, ein Daedalus

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Wer eine Bombe zündet, erwartet eine Detonation, nicht den Rückschlag eines Bumerangs. "Ich bin lesbisch", hatte die neunzehnjährige Alison Bechdel ihren Eltern 1980 vom College aus nach BeechCreek, Pennsylvania, geschrieben. Woraufhin ihre Mutter, eine Hobby-Schauspielerin, ihr am Telefon lapidar mitteilte: ...

          Wer eine Bombe zündet, erwartet eine Detonation, nicht den Rückschlag eines Bumerangs. "Ich bin lesbisch", hatte die neunzehnjährige Alison Bechdel ihren Eltern 1980 vom College aus nach BeechCreek, Pennsylvania, geschrieben. Woraufhin ihre Mutter, eine Hobby-Schauspielerin, ihr am Telefon lapidar mitteilte: "Dein Vater hat Verhältnisse mit Männern." Kurz danach kommt Bruce Allen Bechdel ums Leben: Ein "Sunbeam Bread"-Truck überrollt den Vater von drei Kindern, als er die Route 150 überqueren will. Ein Unfall? Oder hat er sich mit vierundvierzig Jahren das Leben genommen, weil er mit seiner verheimlichten Neigung in dem Provinznest nicht länger leben konnte?

          Dieser Frage geht die amerikanische Comicautorin Alison Bechdel in ihrer autobiografischen Bildergeschichte "Fun Home - Eine Familie von Gezeichneten" nach. Und sie findet überraschende Antworten - vor allem in den Büchern, die ihr Vater, im Hauptberuf Bestattungsunternehmer in der dritten Generation und nebenbei Lehrer an der örtlichen Highschool, ihr seit der Kindheit nahegelegt hat. Dafür kehrt das Mädchen - zumindest gedanklich - in den Achthundert-Seelen-Ort auf dem Land und in die verkommene Villa aus dem Jahr 1867 zurück, aus der ihr Vater im Laufe der Jahre durch seine Liebe zu Antiquitäten eine Art Museum gemacht hat; zurück ins "Fun Home", zu den Requisiten des Todes, die in einem Funeral Home obligatorisch sind: Särge aus Zedernholz, Obelisken aus Granit und stinkende Balsamierungsmittel. Es ist die Rückkehr in eine Welt, in der sich ihr Vater mit seiner verleugneten sexuellen Neigung hinter der ästhetischen Kulisse aus architektonischen Details und literarischen Spitzfindigkeiten versteckt. Die Tochter drückt es so aus: "Er war ein As der Äußerlichkeit, ein Genie der Gediegenheit, ein Daedalus des Designs."

          Wie ihre Brüder Christian und John musste Alison ihrem tyrannischen Vater mit Handreichungen aller Art zu Diensten sein, so bei der Renovierung des im Gothic-Revival-Style erbauten Hauses. "Körperliche Zuwendung zählte nicht zu den Stärken unserer Familie." Alles wurde auf die geistige Ebene verlagert: Bücher, Theater, Briefe. Die einzige sinnliche Ablenkung bot der Umgang mit Blumen; besonders liebte ihr Vater Flieder - "eine tragische botanische Spezies, unweigerlich verblühend, noch ehe sie ihren Höchststand erreicht".

          Kein Wunder, dass die heute Siebenundvierzigjährige fast sieben Jahre benötigte, um diesen autobiografischen Brocken ins Rollen zu bringen. Schwerverdauliche Gefühle und Gedanken in prägnanten Bildern und Blasen darzustellen erfordert einige Kunstfertigkeit. Über die verfügt Bechdel: Nach Anlaufschwierigkeiten - mehrere Kunstakademien hatten sie abgelehnt - erreichte ihre 1983 gestartete Comicserie "Dykes to Watch Out Far" um die lesbische Superheldin Mo und ihre Freundinnen in Underground-Kreisen Kultstatus. Sie wurde in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren von rund fünfzig amerikanischen Zeitungen gedruckt. Bechdels erstes Buch erlebte in den Vereinigten Staaten einen überraschenden Erfolg: Das Magazin "Time" plazierte das mit dem Eisner-Award ausgezeichnete Buch "Fun Home" in seiner Auswahl der zehn besten Bücher des Jahres 2006 noch vor Richard Ford und Cormac McCarthy.

          In sieben, nach Literaturklassikern betitelten Kapiteln wie "Im Schatten junger Mädchenblüte" (Marcel Proust) erkundet die Autorin ihre Kindheit in den Sechzigerjahren. Dabei erzählt sie auf drei Ebenen, die sie kunstvoll verschränkt hat: Über den Bildern läuft in zwei, drei Zeilen die Haupthandlung ab. Das darunter stehende Bild illustriert nicht nur die beschriebene Situation, sondern liefert Zusatzinformationen. Und die ins Bild integrierten Sprechblasen geben dem verhandelten Gedanken einen zusätzlichen Dreh.

          Selbst wenn man es gewohnt ist, Gelesenes selbst in Bilder zu verwandeln, fühlt man sich von den detailreichen Zeichnungen nicht bevormundet. Vielmehr kann sich das Auge in den vielen eingearbeiteten Dokumenten verlieren: Tagebuchaufzeichnungen, Landkarten, Briefe und Lexikonartikel. Ein schnelles Durchblättern verbieten nicht nur die liebevollen Details, sondern auch die Querbezüge zwischen dem Haupttext und den in die Bilder integrierten Gedanken: Da schlagen die Gefühle Purzelbaum, manifestieren sich zeitgeschichtliche Komponenten (Nixon tritt zurück, die Krankheit Aids dringt ins öffentliche Bewusstsein, Wirbelstürme häufen sich) und wird die Literaturgeschichte auf homosexuelle Bezüge untersucht. Hier präsentiert die gelegentlich etwas zu assoziativ vorgehende Autorin Fundstücke, auf die sie bei James Joyce und Oscar Wilde ebenso wie bei Homer und J. D. Salinger, F. Scott Fitzgerald und Albert Camus, Colette und Kate Millett gestoßen ist.

          Zum Glück geht Bechdel bei aller Belesenheit die tragische Geschichte mit einer ordentlichen Portion Komik an. Und so blättert man nach dem ersten Lesen gern zurück, um sich die eine oder andere Zeichnung noch einmal anzusehen. Und selbst wenn man "Fun Home", den ersten Comic aus dem Hause Kiepenheuer & Witsch, im Regal zwischen Richard Bausch und Louis Begley eingeordnet hat, wird das Buch dort keinen Staub ansetzen.

          REINHARD HELLING.

          Alison Bechdel: "Fun Home". Eine Familie von Gezeichneten. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Sabine Küchler und Denis Scheck. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 240 S., geb., 19,90 [Euro].

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