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: Mein unbeschriebenes Blatt

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Wenn man nach der jüngsten Wahl jetzt über einen Rückfall Irans in den Fundamentalismus der Revolutionsjahre spekuliert, in jene Zeit also, als in Ghom 1979 die "Islamische Republik" ausgerufen wurde und Chomeini die führende Rolle der schiitischen Geistlichkeit in allen Belangen des politischen ...

          Wenn man nach der jüngsten Wahl jetzt über einen Rückfall Irans in den Fundamentalismus der Revolutionsjahre spekuliert, in jene Zeit also, als in Ghom 1979 die "Islamische Republik" ausgerufen wurde und Chomeini die führende Rolle der schiitischen Geistlichkeit in allen Belangen des politischen und gesellschaftlichen Lebens festschrieb, dann sollte man dazu unbedingt das gerade erschienene Buch von Reza Hajatpour lesen. Der Autor beschreibt sein Leben als junger Mullah in Iran zur Zeit Chomeinis, seinen Widerspruch zu den neuen Machthabern, in den er immer mehr hineingerät, schließlich seine Ausreise in den Westen, wo er heute am Lehrstuhl für Iranistik an der Universität Bamberg arbeitet. Es gibt vermutlich keinen Bericht, der genauer von innen, aus der autobiographischen Perspektive darüber Auskunft gibt, was Fundamentalismus ist - jene oft als Schlagwort gebrauchte Vokabel, die in diesem Buch kein einziges Mal verwendet, in ihrer Bedeutung aber auf jeder Seite erhellt wird.

          Das Buch ist keine flammende Anklageschrift, kein Renegatenbericht, keine Abrechnung. Es ist eher der leise Bericht eines großen Sichwunderns über das Zerbrechen einer Lebensform, die einmal enthusiatisch gewählt und gegen den Widerstand der eigenen Familie durchgesetzt worden war. Der Autor, 1958 in Iran geboren, war einundzwanzig Jahre alt, als Chomeini den "heiligen Staat" ausrief, schon Jahre zuvor hatte er sich für die geistliche Laufbahn entschieden. Interessanter noch als die politischen Zustandsberichte aus jener Zeit, deren es bereits hinlänglich viele gibt, ist die Schilderung vom allmählichen Absterben des geistlichen Impulses im Autor selbst, die einer totalen Bankrotterfahrung der eigenen Biographie gleichkommt. Es ist die Erfahrung, radikal und vollständig aufs falsche Pferd gesetzt zu haben, die Erfahrung, systematisch der Erfahrung ausgewichen und der Verblendung verfallen gewesen zu sein - verblendet nicht etwa als Revolutionswächter im engeren Sinne (der Autor zeigt sich für die Ideologie des heiligen Staates in keiner Phase anfällig), sondern verblendet als Turbanträger überhaupt, als geistlicher Amtsträger, der die Lebenswelt nicht anders als in den Kategorien von Konformität und Abweichung wahrnimmt, der für jede Frage eine erlernte Antwort parat hat und im Begriffe ist, den Alltag derart normiert zu leben, daß für Überraschungen kein Platz scheint.

          Das konnte nicht lange gutgehen, und manchmal denkt man: Na ja, im Grunde läßt sich eine solche Entfremdungsgeschichte vermutlich über jedwede verunglückte Festlegung verfassen. Und zweifellos hatte der Autor solches im Sinn: über die Beobachtung der iranischen Revolutionstheologie hinaus die Geschichte einer enttäuschten Liebe zu schreiben, einer Liebe, die sich auf einmal als lebensbedrohlicher Würgeengel entpuppt, weil sie Erfahrungen erstickt statt aufzunehmen und so spröde wird bis zum Zerbrechen.

          Die Abrißbirne schwingen

          Diesem eher unpolitischen Anliegen entspricht das immer wieder ins Poetische gesteigerte Lapidare, ja die Kindlichkeit der Sprache, mit der Hajatpour wie ein unbeteiligter Protokollant oder besser: wie ein kühler Märchenerzähler aus Tausendundeiner Nacht selbst schmerzhafte persönliche Verwerfungen erzählt, als stammten sie von einem Dritten. Daß der Autor mit diesem Kunstgriff gar kein großes dramaturgisches Kalkül zu verfolgen scheint, daß ihm die Dinge eher absichtslos, bisweilen fast ein wenig einfältig wirkend aus der Feder fließen, dies möchte man dabei als die eigentliche stilistische Leistung ansehen. Freilich stößt man immer wieder auch auf Wendungen der Unbeholfenheit, die ein entschiedeneres Redigat vertragen hätten, etwa wenn sich der Autor nach einer Flugreise "unerwartet aus dem Schweigen enthüllt" oder wenn er einen Garten bemerkt, der dem Haus "eine bezaubernde Landschaft verlieh", oder wenn die Spannung im Raume wich, "als er seufzend den Satz in den Raum pustete".

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