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: Mein Sohn, das Flugzeug

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Im historischen Rückblick wollen sich die Form, der Inhalt und die Protagonisten von Filippo Tommaso Marinettis 1909 zunächst auf französisch und noch im selben Jahr in italienischer Übersetzung erschienenem Roman "Mafarka" nur schwer mit dem Anspruch reimen, eine Einlösung seines futuristischen Programms ...

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          Im historischen Rückblick wollen sich die Form, der Inhalt und die Protagonisten von Filippo Tommaso Marinettis 1909 zunächst auf französisch und noch im selben Jahr in italienischer Übersetzung erschienenem Roman "Mafarka" nur schwer mit dem Anspruch reimen, eine Einlösung seines futuristischen Programms zu sein, das der Pariser "Figaro" wenige Monate vorher in einem europaweite Erregung auslösenden "Manifest" lanciert hatte. Denn Mafarka, der unverdrossen seinen - darauf besteht Marinetti - "afrikanischen" Krummsäbel schwingende, Hunderte von "Neger"-Feinden dahinstreckende, den verräterischen Onkel entthronende, seinen gefallenen Bruder auf dem Rücken tragende, der verblichenen Mutter hörige und alle anderen Frauen trotz Megapotenz verachtende Titelheld, Mafarka wirkt nicht wie ein Emblem der Zukunft, sondern eher wie ein Cousin von Roland und Olivier oder gar wie ein in Afrika auferstandener Siegfried aus der Welt des mittelalterlichen Heldenlieds.

          Die "Fahne der Unsterblichkeit auf dem höchsten Gipfel des menschlichen Denkens", die sein schriftstellerischer Vater Marinetti für sich im Vorwort an die "futuristischen Brüder" aufpflanzt, kann man allein assoziieren mit dem im letzten von zwölf Buchkapiteln ans Ziel kommenden Projekt des Kriegerkönigs Mafarka, einen ihn selbst und die Vergangenheit schlechthin überbietenden Sohn in geistiger Selbstzeugung hervorzubringen. Denn dieser ebenso wortreich wie vage und daher geheimnisträchtig beschriebene Sohn, ein "Held ohne Schlaf" mit dem Namen Gazourmah, ist, wie Marinettis Strafverteidiger während eines dem Roman in Italien zu großer Publizität verhelfenden Prozesses beiläufig klarstellte, nichts anderes als ein nach den fortgeschrittensten Standards der damaligen Ingenieurskunst gebautes Flugzeug.

          Weil wohl heute nur Leser mit intensiven geschichtlichen Interessen und Vorkenntnissen die etwa hundertsiebzig vom Beginn des Romans bis zum abschließenden Jungfernflug Gazourmahs zurückzulegenden Seiten bewältigen können, ist damit zu rechnen, daß sie auf dem Lektüre-Parcours eine spannungsvolle Grundstruktur der so radikal auf Zukunft setzenden künstlerischen Bewegungen jener Zeit erfassen. Diese Struktur ist auch geeignet, den scheinbaren Widerspruch zwischen Marinettis futuristischem Programm und den archaischen Inhalten seines Romans aufzulösen. Was nämlich die Avantgarden des Surrealismus und des Dadaismus, des Kubismus und des Futurismus - und noch zwei Jahrzehnte später in schärferer Selbstreflexion die Intellektuellen der "konservativen Revolution" - mit bedingungsloser Verachtung für die dominierende Kultur ihrer Gegenwart erfüllte, das war der Eindruck, daß deren selbstgenießende Fin-de-siècle- und Dekadenzfeiern allen sicheren "Grund" für kraftvollere Formen der Existenz verspielt hatten. Deshalb lag es nicht allein für den 1876 in Alexandria geborenen Marinetti so nahe, sich sehnsuchtsvoll den nostalgisch verklärten Welten der heroischen Vergangenheit und - wie auch die kubistischen Künstler - des unverdorben archaisch wirkenden afrikanischen Kontinents zuzuwenden. Da Marinettis Generation bei ihrer Rückwende aber - paradoxerweise - auf den Aufbruch ins neue Jahrhundert setzte, statt der Endstimmung zu huldigen (und zwar im Zeichen einer seit der Aufklärung zum Rausch gesteigerten Fortschrittsgläubigkeit), dürfte der literarische Widerspruch des krummsäbelschwingenden Futuristen Mafarka auf die avantgardistisch gepolten Leser jener Jahre kaum befremdlich gewirkt haben.

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