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: Mein Herz stand in Flammen, das ist die reine Wahrheit

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Wie klingt es, wenn man sagt, daß man vom Dutzend der Geschichten dieses Bands nur die erste im Sinn behält, diese aber so intensiv wie sonst nur allerbeste Filme? Daß diese eine Geschichte alle anderen überstrahlt? Wie klingt es, wenn man von einem Buch sagen kann, daß es nach nur 32 von 235 Seiten ...

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          Wie klingt es, wenn man sagt, daß man vom Dutzend der Geschichten dieses Bands nur die erste im Sinn behält, diese aber so intensiv wie sonst nur allerbeste Filme? Daß diese eine Geschichte alle anderen überstrahlt? Wie klingt es, wenn man von einem Buch sagen kann, daß es nach nur 32 von 235 Seiten seine Anforderung schon erfüllt hat und der Rest dann Bonus-Tracks sind? Klingt nicht nach einem Lob. Es ist aber eins.

          Vor allem ist es unfair, eine einzige Geschichte so sehr zu bevorzugen, daß man eigentlich nur von ihr erzählen möchte. Was dann alles ungesagt bliebe, vom Autor, von seinem Werk und von diesem neuesten Buch. Beispielsweise wie sorgfältig der ganze Band komponiert ist: Sieben Geschichten handeln vom "Diesseits", fünf vom "Jenseits". Die Asymmetrie erklärt sich aus der Doppelstruktur einer Geschichte, die "Gottesanrufung" heißt: In Teil eins wird beschrieben, wie ein frommer Muslim den Schriftsteller aufsucht, damit dieser für seine ebenfalls sehr fromme Schwester einen Liebesbrief verfaßt; im zweiten Teil erscheint die geheimnisvolle Schwester als eine ehemalige Freundin des Schriftstellers, die ihren Ex noch mal sehen wollte und dazu eine Finte gebrauchen mußte.

          Neben der romantischen Frage, wohin gewesene Liebe eigentlich verschwindet, behandelt der Autor also das Phänomen der Zuwendung junger Frauen zu einem strengen muslimischen Glaubens- und Lebensstil, solcher Frauen, die etwas anderes gekannt haben, die es sich aussuchen konnten. Ein brisantes politisches Thema, das Feridun Zaimoglu gewohnt virtuos in Charaktere, Erfahrungen und eine Erzählung übersetzt - es gibt, auch das darf man nicht vergessen zu sagen, keinen in Deutschland, der das so kann wie er. Das ist auch eine Last, aber er schultert sie fröhlich, seit Jahren schon. In einem seiner zahllosen Interviews hat er einmal geklagt, nach dem 11. September sei er quasi nebenberuflich zum "Pressesprecher einer Weltreligion" geworden, aber dieser Seufzer hindert ihn nicht daran, diesen Posten gewissenhaft zu bekleiden, zwar nicht für den Islam zu sprechen, aber doch für eine große Szene, für die zweite und dritte Generation der Migranten in den deutschen Großstädten, für ihre Verwandten, Freunde und Nachbarn. Zum Glück für alle Beteiligten fällt ihm dazu eine ganz besondere Sprache ein, die er fortwährend neu ermittelt und weiterentwickelt, zwischen dem Stakkato der gesprochenen Rede auf der Straße und der kunstvoll komponierten Metapher des zeitgenössischen, aber historisch gebildeten Poeten. Viele haben versucht, diese Sprache zu beschreiben, zu würdigen, nachzuempfinden; stets bleiben die Beschreibungen hinter dem Original zurück. Man kann an dieser Stelle mit dem Hinweis auf die Biographie des Autors abkürzen: Man muß nicht Bourdieu studiert haben, um zu verstehen, daß ein 1964 im anatolischen Bolu geborener Junge, der als Bester seines Jahrgangs in Bonn Abitur macht, dann 1984 in Kiel Medizin studiert, in seinem späteren selbstgewählten Beruf als Literat keine halben Sachen machen wird. Schon bald wird es erste Dissertationen über sein Werk geben; ein Kanon der deutschsprachigen Literatur des 21. Jahrhunderts wäre, das ist bereits jetzt klar, ohne ihn unvollständig.

          Nachdem das geklärt wäre, können wir endlich zur ersten Geschichte zurückkehren. Sie trägt den ohrwurmhaften Titel "Fünf klopfende Herzen, wenn die Liebe springt", und sie hat wirklich etwas von einem Sommerhit, obwohl sie im Winter spielt, noch dazu in Hamburg, im Schanzenviertel, wo Autonome und Polizisten Katz und Maus spielen, während die Yuppies zuschauen und dabei wohlig erschauern. Es ist eine historisch entrückte Schanze, die der späten Achtziger vielleicht, sie hat etwas Prototypisches: So ähnlich hat Hanif Kureishi in seinen besten Zeiten die Immigrantenviertel Londons beschrieben.

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