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: Mein Erfolg ist ein Mißverständnis

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NEW YORK, im JuliDer große amerikanische Roman ist nicht ausgestorben wie der Dodo, sondern ein Mythos wie der Hippogryph": Nur wenige Fußnoten der Literaturkritik dürften mit der Zeit zu soviel Witz und Wahrheit gereift sein wie dieses Aperçu des amerikanischen Romanciers Frank Norris, der offenbar ...

          NEW YORK, im Juli

          Der große amerikanische Roman ist nicht ausgestorben wie der Dodo, sondern ein Mythos wie der Hippogryph": Nur wenige Fußnoten der Literaturkritik dürften mit der Zeit zu soviel Witz und Wahrheit gereift sein wie dieses Aperçu des amerikanischen Romanciers Frank Norris, der offenbar bereits vor mehr als hundert Jahren wußte, daß jede neue Generation von Schriftstellern an der Great American Novel scheitern muß. Während aber der Mythos handfester Meisterwerke wie Faulkners "The Sound and the Fury" in Literaturseminaren künstlich beatmet wird und eine Neuauflage von Robert Penn Warrens "All the King's Men" allenfalls als Grundlage einer Kommerzialisierung durch Hollywood einen gewissen Marktwert erzielt, ist das rätselhafte Fabelwesen der Great American Novel nach wie vor von Ehrfurcht heischender Unsterblichkeit und wird Jahr um Jahr erneut beschworen und in wechselnder Gestalt durchs Land getrieben.

          "Wie sein Großonkel ,Ulysses' und sein Urgroßvater ,Moby Dick'", so etwa Jonathan Franzen, habe auch Colson Whiteheads "John Henry Days" (2004 bei Hanser) "enzyklopädische Ambitionen". Gibt es einen Roman, so Cynthia Ozick auf dem Cover der Originalausgabe von Jonathan Safran Foers "Extrem laut und unglaublich nah" (2005 bei Kiepenheuer & Witsch), in dem sich Salingers Holden Caulfield und Mark Twains Huck Finn gleichermaßen "zu Hause fühlen" würden? Aber ja doch: "Der Dollar ist zur Maßeinheit des kulturellen Gewichts geworden", wie Franzen schon vor der Veröffentlichung seiner "Korrekturen" (2002 bei Rowohlt) bemerkte, und dem unermüdlichen Ehrgeiz, mit dem sich die Dienstleister des amerikanischen Literaturbetriebs in jeder Saison der Entdeckung wenigstens eines neuen Salinger oder DeLillo oder Pynchon verschreiben und dessen Great American Novel zum Spitzentitel erklären, unterliegt freilich vor allem die Erwartung des von Marketingexperten kalkulierten Big Deal. Haben die eigentlich inzwischen von Benjamin Kunkel und dem Hype um sein Debüt "Indecision" gehört?

          An einem schönen Morgen im September steht dessen soeben aus einem nächtlichen Drogenrausch erwachter Held auf einem Dach in Downtown Manhattan und schaut zu, wie sechs Blocks weiter ein Flugzeug in einen der Türme kracht. "Kunkel?" Nicht jeder reagierte bei Erscheinen von "Indecision" im Herbst letzten Jahres so gelassen und scheinbar desinteressiert wie Don DeLillo, der dem jungen Autor statt der erhofften Lobhudelei für den Umschlag eine Postkarte schickte, deren verkaufsfördernde Wirkung wohl nur dem Wert einer Briefmarke entsprach: "Gab es bei den Yankees", so DeLillo, "nicht mal einen Werfer, der Kunkel hieß?" Unter dem Titel "Unentschlossen" erscheint "der neue Kultroman aus New York!" Ende August auf deutsch: Als vermeintliches Gütesiegel aller Senkrechtstarter steht das Ausrufezeichen auch bei den Werbetextern der hiesigen Buchindustrie hoch im Kurs.

          "Das Schreiben über Kultur ist in den Vereinigten Staaten weitgehend an Dinge gebunden, die sich kommerzialisieren lassen", sagt Benjamin Kunkel. Er ist etwa so alt wie Salinger bei Veröffentlichung vom "Fänger im Roggen", sechs Jahre jünger als Joseph Heller bei Erscheinen von "Catch-22"; statt eines Papayasalats, wie Philip Roth ihn in Restaurants gern mal ißt, bestellt er beim Treffen in New York einen Artischockensalat und einen Cappuccino. "Damit große Zeitungen über einen Schriftsteller schreiben können", sagt Kunkel, "muß entweder ein neuer Roman erschienen sein oder eine neue Biographie. Um über einen Film schreiben zu können, der schon ein paar Jahre alt ist, muß man warten, bis er zur Neuauswertung in die Kinos kommt. Es muß immer etwas her, das sich verkaufen läßt. Und weißt du was", fährt Kunkel fort, dessen achtundzwanzigjähriger Erzähler Dwight Wilmerding vor dem 11. September im Schutz der "Zen-Zwillingstürme des WTC" ein weitgehend unbeteiligtes Leben führte, "man sollte sich von den Dingen, die auf den Markt geschmissen werden, nicht das Denken diktieren lassen."

          Benjamin Kunkel, ein Gründungsredakteur der unabhängigen, seit Herbst 2004 halbjährlich erscheinenden Kulturzeitschrift "n+1", an dem das Smart Set linker New Yorker Intellektueller wie Fliegen klebt, ist ein erfrischend unironischer, ein ernsthafter und anspruchsvoller Autor; er ist kein Infantilist der Unterhaltungsindustrie. "Unentschlossen" ist trotzdem ein sehr, sehr witziges Buch. Kunkel wurde 1973 in Eagle, Colorado, geboren und kehrte im Herbst 2001 dorthin zurück, um in einer Hütte im Wald die Arbeit an seinem Roman zu beginnen; er besuchte ein Internat in New Hampshire und verbrachte vor dem Studium in Harvard und an der Columbia University zwei Jahre auf der Ranch des exklusiven Deep Springs College in der kalifornischen Wüste. Das Ethos der körperlichen und geistigen Arbeit, das den Alltag von Deep Springs bestimmt, scheint Kunkels Denken ebenso geprägt zu haben wie die von den jeweils 27 Studenten des Liberal Arts College praktizierte Selbstverwaltung und das Bewußtsein sozialer Verantwortung, dessen Entwicklung er in "Unentschlossen" zum Thema macht. "Indecision" nämlich ist ein Bildungsroman, ein auch im Englischen verwendeter und dort fast komisch klingender Begriff. Dwight Wilmerding, ein schulterzuckender Träumer, kann erst an die Zukunft denken, wenn er dort angekommen ist, wie es an einer Stelle heißt, aber weil er sich zunächst nur höchst ungern bewegt, scheint es ihm mit der Zukunft noch sehr lang hin.

          "Manche Leute wollten von mir wissen, weshalb wir einen weiteren jungen Romanhelden brauchen, der nicht genau weiß, was er mit sich anfangen soll", sagt Benjamin Kunkel. Dwight jobbt seit einiger Zeit für den Technical Support des Pharmakonzern Pfizer, hat aber Philosophie studiert. Als ihm bei Pfizer überraschend gekündigt wird, bekommt sein Lieblingsbuch - "Der Gebrauch der Freiheit" des deutschen Philosophen Otto Knittel - für ihn einen neuen, indes unergründlichen Sinn. "Ich glaube, Dwight ist für uns unverzichtbar", so Kunkel, "weil die Fragen, die er sich stellt, zeigen, daß einem die Erfahrungen anderer nicht erlauben, den eigenen aus dem Weg zu gehen."

          Die Entschlußunfähigkeit, an der Kunkels ziellos vor sich hin philosophierender Protagonist vollkommen schmerzfrei leidet, die chronische Abulie, die Dwight anfangs mit Hilfe einer geworfenen Münze in den Griff zu bekommen versucht und schließlich mit einem noch nicht ganz ausgetesteten Medikament namens Abulinix und einer Belgierin namens Brigid bewältigt, problematisiert im Roman das geschäftige Laisser-faire einer privilegierten, zum Wohle der Konsumgesellschaft aufgepeppelten Generation. "Mir war aufgefallen, daß einige meiner Freunde über mehrere Jahre von einer bedrohlichen Unentschlossenheit betroffen waren, von einer andauernden Krise, mit der sie sich zum Teil sogar aufs Bequemste arrangiert hatten", so Kunkel, der seinen urbanen Protagonisten in den Dschungel von Ecuador schickt, wo sich Dwight an Brigids Seite schließlich dem Leben stellt.

          "Die Pubertät scheint heute später aufzuhören als früher, die Lebensphase, in der man wesentliche Entscheidungen treffen sollte, kann in den westlichen Ländern beinahe endlos ausgedehnt werden. Einerseits verschafft einem das natürlich größere Freiheit", sagt Kunkel, der diese Freiheit in "Unentschlossen" als einen jede echte Leidenschaft erstickenden Zustand andauernder Wunscherfüllung übersetzt, aber oft geht mit dieser Freiheit kein Wachstum an Verständnis oder Weisheit einher. "Dwight zum Beispiel hat am Anfang des Romans zwar ein Gefühl für die Möglichkeiten, die ihm offenstehen, kann aber nicht einschätzen, was wichtig ist. Er ist sehr viel naiver als die meisten Figuren, die man in zeitgenössischen Romanen antrifft." Selbst als die zweite Maschine ins World Trade Center fliegt - "Hey! Noch ein Flugzeug!" -, versucht Dwight, die Dinge positiv zu sehen.

          "Ich glaube, Kunkels Buch ist hier in den Vereinigten Staaten so erfolgreich, weil es als Entwicklungsroman sehr genau den Nerv eines neuen Zeitalters trifft, insbesondere mit Blick auf 9/11", sagt Daniel Menaker, Kunkels amerikanischer Lektor. Random House konnte von "Indecision" bislang 31 000 Exemplare im Hardcover verkaufen, die Filmrechte gingen bereits vor Erscheinen an den Hollywood-Produzenten Scott Rudin; Menaker erwartet, daß die Taschenbuchausgabe die für einen literarischen Debütroman hohe Auflage von 100 000 Exemplaren überschreitet. In einem bedrückenden Klima, in dem es neuen, ungewöhnlichen Stimmen zunehmend unmöglich ist, sich im Literaturbetrieb Gehör zu verschaffen, und die großen Publikumsverlage in ihrem Bemühen, den sicheren Erfolg des Bekannten zu wiederholen, immer weniger Risiken wagen, scheint "Indecision" mit großer Entschlossenheit genau den Markt zu erobern, den es offen kritisiert. "Wir leben in einem Zeitalter wahnsinniger Selbstzensur", schreiben Kunkel und seine drei Mit-Redakteure in ihrem programmatischen Leitartikel zur ersten Ausgabe von "n+1", dessen bislang noch fiktiver Buchverlag in "Indecision" die kulturkritische Studie "Consumer Survivalism" von Dwights Schwester Alice vertreibt. "Wir leben in einer Zeit, in der Nabokov und Henry James in Teheran gelesen werden, aber zu Hause haben wir Pornographie und Publicity. Die Kultur", so Kunkel & Co, "kann sich inzwischen so stark ausdehnen, daß sie Supermärkte füllt. Aber Zivilisation ist der Traum von Fortschritt."

          Es ist dieser Traum, zu dem sich am Ende des Romans auch Dwight bekennt; es ist dieser Traum, dem Benjamin Kunkel mit Dwights unterhaltsamer, schließlich zunehmend geistreicher und politisierter Stimme auf überaus mitreißende Weise Form verleiht. "Dwight ist vielleicht ein Narr", sagt Kunkel, während er im Cappuccino rührt, "aber er stellt schließlich die fundamentalen Fragen an sein Leben, mit denen sich viele sehr viel klügere Amerikaner längst nicht mehr belasten."

          Der Erfolg von "Indecision" ist freilich ein Mißverständnis. Michiko Kakutani, die Kritikerin der "New York Times", die ihn vor Erscheinen des Romans einleitete, als sie "Indecision" mit Salingers "Catcher in the Rye" verglich, widmete der politischen Brisanz von Kunkels Buch kein Wort. "Ich kann mir den Erfolg selbst nicht erklären", so Kunkel, "insbesondere, weil vielen Lesern das Ende gar nicht gefällt. Aber da ist es natürlich längst zu spät, sie haben das Ticket schon gekauft. Wahrscheinlich mögen die Leute den Roman nur, weil er lustig ist. Die Leute stehen auf lustig", sinniert Kunkel und fügt hinzu: "Ich ja auch."

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