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: Mein Erfolg ist ein Mißverständnis

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"Ich glaube, Kunkels Buch ist hier in den Vereinigten Staaten so erfolgreich, weil es als Entwicklungsroman sehr genau den Nerv eines neuen Zeitalters trifft, insbesondere mit Blick auf 9/11", sagt Daniel Menaker, Kunkels amerikanischer Lektor. Random House konnte von "Indecision" bislang 31 000 Exemplare im Hardcover verkaufen, die Filmrechte gingen bereits vor Erscheinen an den Hollywood-Produzenten Scott Rudin; Menaker erwartet, daß die Taschenbuchausgabe die für einen literarischen Debütroman hohe Auflage von 100 000 Exemplaren überschreitet. In einem bedrückenden Klima, in dem es neuen, ungewöhnlichen Stimmen zunehmend unmöglich ist, sich im Literaturbetrieb Gehör zu verschaffen, und die großen Publikumsverlage in ihrem Bemühen, den sicheren Erfolg des Bekannten zu wiederholen, immer weniger Risiken wagen, scheint "Indecision" mit großer Entschlossenheit genau den Markt zu erobern, den es offen kritisiert. "Wir leben in einem Zeitalter wahnsinniger Selbstzensur", schreiben Kunkel und seine drei Mit-Redakteure in ihrem programmatischen Leitartikel zur ersten Ausgabe von "n+1", dessen bislang noch fiktiver Buchverlag in "Indecision" die kulturkritische Studie "Consumer Survivalism" von Dwights Schwester Alice vertreibt. "Wir leben in einer Zeit, in der Nabokov und Henry James in Teheran gelesen werden, aber zu Hause haben wir Pornographie und Publicity. Die Kultur", so Kunkel & Co, "kann sich inzwischen so stark ausdehnen, daß sie Supermärkte füllt. Aber Zivilisation ist der Traum von Fortschritt."

Es ist dieser Traum, zu dem sich am Ende des Romans auch Dwight bekennt; es ist dieser Traum, dem Benjamin Kunkel mit Dwights unterhaltsamer, schließlich zunehmend geistreicher und politisierter Stimme auf überaus mitreißende Weise Form verleiht. "Dwight ist vielleicht ein Narr", sagt Kunkel, während er im Cappuccino rührt, "aber er stellt schließlich die fundamentalen Fragen an sein Leben, mit denen sich viele sehr viel klügere Amerikaner längst nicht mehr belasten."

Der Erfolg von "Indecision" ist freilich ein Mißverständnis. Michiko Kakutani, die Kritikerin der "New York Times", die ihn vor Erscheinen des Romans einleitete, als sie "Indecision" mit Salingers "Catcher in the Rye" verglich, widmete der politischen Brisanz von Kunkels Buch kein Wort. "Ich kann mir den Erfolg selbst nicht erklären", so Kunkel, "insbesondere, weil vielen Lesern das Ende gar nicht gefällt. Aber da ist es natürlich längst zu spät, sie haben das Ticket schon gekauft. Wahrscheinlich mögen die Leute den Roman nur, weil er lustig ist. Die Leute stehen auf lustig", sinniert Kunkel und fügt hinzu: "Ich ja auch."

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