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: Mein Erfolg ist ein Mißverständnis

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Benjamin Kunkel, ein Gründungsredakteur der unabhängigen, seit Herbst 2004 halbjährlich erscheinenden Kulturzeitschrift "n+1", an dem das Smart Set linker New Yorker Intellektueller wie Fliegen klebt, ist ein erfrischend unironischer, ein ernsthafter und anspruchsvoller Autor; er ist kein Infantilist der Unterhaltungsindustrie. "Unentschlossen" ist trotzdem ein sehr, sehr witziges Buch. Kunkel wurde 1973 in Eagle, Colorado, geboren und kehrte im Herbst 2001 dorthin zurück, um in einer Hütte im Wald die Arbeit an seinem Roman zu beginnen; er besuchte ein Internat in New Hampshire und verbrachte vor dem Studium in Harvard und an der Columbia University zwei Jahre auf der Ranch des exklusiven Deep Springs College in der kalifornischen Wüste. Das Ethos der körperlichen und geistigen Arbeit, das den Alltag von Deep Springs bestimmt, scheint Kunkels Denken ebenso geprägt zu haben wie die von den jeweils 27 Studenten des Liberal Arts College praktizierte Selbstverwaltung und das Bewußtsein sozialer Verantwortung, dessen Entwicklung er in "Unentschlossen" zum Thema macht. "Indecision" nämlich ist ein Bildungsroman, ein auch im Englischen verwendeter und dort fast komisch klingender Begriff. Dwight Wilmerding, ein schulterzuckender Träumer, kann erst an die Zukunft denken, wenn er dort angekommen ist, wie es an einer Stelle heißt, aber weil er sich zunächst nur höchst ungern bewegt, scheint es ihm mit der Zukunft noch sehr lang hin.

"Manche Leute wollten von mir wissen, weshalb wir einen weiteren jungen Romanhelden brauchen, der nicht genau weiß, was er mit sich anfangen soll", sagt Benjamin Kunkel. Dwight jobbt seit einiger Zeit für den Technical Support des Pharmakonzern Pfizer, hat aber Philosophie studiert. Als ihm bei Pfizer überraschend gekündigt wird, bekommt sein Lieblingsbuch - "Der Gebrauch der Freiheit" des deutschen Philosophen Otto Knittel - für ihn einen neuen, indes unergründlichen Sinn. "Ich glaube, Dwight ist für uns unverzichtbar", so Kunkel, "weil die Fragen, die er sich stellt, zeigen, daß einem die Erfahrungen anderer nicht erlauben, den eigenen aus dem Weg zu gehen."

Die Entschlußunfähigkeit, an der Kunkels ziellos vor sich hin philosophierender Protagonist vollkommen schmerzfrei leidet, die chronische Abulie, die Dwight anfangs mit Hilfe einer geworfenen Münze in den Griff zu bekommen versucht und schließlich mit einem noch nicht ganz ausgetesteten Medikament namens Abulinix und einer Belgierin namens Brigid bewältigt, problematisiert im Roman das geschäftige Laisser-faire einer privilegierten, zum Wohle der Konsumgesellschaft aufgepeppelten Generation. "Mir war aufgefallen, daß einige meiner Freunde über mehrere Jahre von einer bedrohlichen Unentschlossenheit betroffen waren, von einer andauernden Krise, mit der sie sich zum Teil sogar aufs Bequemste arrangiert hatten", so Kunkel, der seinen urbanen Protagonisten in den Dschungel von Ecuador schickt, wo sich Dwight an Brigids Seite schließlich dem Leben stellt.

"Die Pubertät scheint heute später aufzuhören als früher, die Lebensphase, in der man wesentliche Entscheidungen treffen sollte, kann in den westlichen Ländern beinahe endlos ausgedehnt werden. Einerseits verschafft einem das natürlich größere Freiheit", sagt Kunkel, der diese Freiheit in "Unentschlossen" als einen jede echte Leidenschaft erstickenden Zustand andauernder Wunscherfüllung übersetzt, aber oft geht mit dieser Freiheit kein Wachstum an Verständnis oder Weisheit einher. "Dwight zum Beispiel hat am Anfang des Romans zwar ein Gefühl für die Möglichkeiten, die ihm offenstehen, kann aber nicht einschätzen, was wichtig ist. Er ist sehr viel naiver als die meisten Figuren, die man in zeitgenössischen Romanen antrifft." Selbst als die zweite Maschine ins World Trade Center fliegt - "Hey! Noch ein Flugzeug!" -, versucht Dwight, die Dinge positiv zu sehen.

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