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: Mehr so für Süßwassermatrosen

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Harald Schmidt gab die Maxime "Drehort geht vor Inhalt" vor, seither erliegen auch unbestechlichere Künstler der Verlockung, sich bezahlte Kreativpausen in luxuriöser Umgebung zu gönnen. Kostenlose Inspiration geht vor Arbeit: lieber Gentleman-Host auf einem Traumschiff oder Bordschreiber auf der MS Europa, als sein Brot unter Schweiß und Tränen verdienen.

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          Harald Schmidt gab die Maxime "Drehort geht vor Inhalt" vor, seither erliegen auch unbestechlichere Künstler der Verlockung, sich bezahlte Kreativpausen in luxuriöser Umgebung zu gönnen. Kostenlose Inspiration geht vor Arbeit: lieber Gentleman-Host auf einem Traumschiff oder Bordschreiber auf der MS Europa, als sein Brot unter Schweiß und Tränen verdienen. Eine sechsmonatige Weltreise auf dem Fünf-Sterne-plus-Dampfer, inklusive Seniorenbespaßung, Kaviar und Champagner, ist attraktiver als ein Jahr als Hungerturmschreiber in Bergen-Enkheim.

          Matthias Politycki hat ein entspanntes Verhältnis zur Dichtkunst. Schreiben ist für ihn keine heilige Mission, sondern "ein Dienstleistungsgewerbe wie jedes andere", wie das der Animateure zum Beispiel, und so kann man es ihm nicht verdenken, allenfalls neiden, dass er sich von einer Reederei als "Writer-in-non-residence" und "kritischer Beobachter unserer deutschen Alltagswirklichkeit" anheuern ließ. Politycki hatte keine literarischen Verpflichtungen außer dreizehn Lesungen, nahm seine gesellschaftlichen Aufgaben aber ernst. Eine Seefahrt, die ist lustig, erweitert den Horizont und das Bewusstsein, und so hofften alle, dass der Bordautor einen "schwimmenden Gesellschaftsroman" (Politycki), einen "Schelmenroman des beginnenden 21. Jahrhunderts" (Verlag), mit nach Hause bringen würde: Felix Krull im Traumschiff MS Zauberberg.

          Dazu hat es nicht ganz gereicht. Politycki, hin und her gerissen zwischen Ekel und Faszination, Neugier und Barmherzigkeit, ist ein begnadeter Satiriker, und manchmal wird er sogar dezent kritisch. Er mag sie nicht, die neureichen Alten mit ihren Goldsandalen und Botoxgesichtern, die vom Oberdeck auf die Besatzung und beim Landgang auf die Eingeborenen herabschauen. Er mag sie nicht, die Wichtigtuer und Globaltrottel, denen die Welt zur exotischen Fototapete schrumpft, auf der das Taj Mahal gleich neben dem "Beduinen-Schuhplattler" liegt. Aber Politycki ist ein höflicher Humorist, der sein Publikum und seine Auftraggeber nie beschimpfen würde. Und so ein schwimmendes Dorf mit zehn Decks, 30 000 PS und fünfzig Bordkünstlern von Senta Berger bis Udo Lindenberg ist ja auch wirklich beeindruckend: diese Organisation, diese perfekte Logistik, diese "schiffige Anmutung"!

          Für den Bordlautsprecher ist die MS Europa "unsere Lady", für die alten Hasen "unsere Hütte", für die wenigen jungen Hüpfer ein SOS-Seniorendorf, aber allen wird etwas geboten: hier eine feuchtfröhliche Äquatortaufe, dort eine Modenschau in der Clipper-Lounge, öfters ein Bayrischer Frühschoppen unter Palmen. Morgens gibt es den Kampf um die Liegestühle, mittags "Tahiti-Vanillecreme im Knusperbeißholz" aus Schoko-Dieters Patisserie, abends Klatsch an der Bar: Konsul Walder soll einer Kabinenstewardess einen "Smaragdmops" geschenkt, Roberto Blanco die Badetablette für ein Betthupferl gehalten haben. Politycki verfügt über Witz und eine feine Beobachtungsgabe, und auch wenn er nicht gerade der Wallraff der christlichen Seefahrt ist, steigt er doch auch mutig hinab zu den Filipinos in die Wäscherei und selbst in die Pumpensümpfe, wo die Kielschweine angeblich mit Edelsteinen, Kaviar und anderen Brosamen von den Reichen- und Russentischen gefüttert werden. Eigentlich stammt das Logbuch nicht von Politycki, nicht einmal vom Bordschreiber Ingo Jonatzki, einem "Luxuspenner" mit Rotweinfahne und Trekkingsandalen. Autor ist Johann Gottlieb Fichtl, bayrischer Finanzbeamter mit Vorliebe für Motivkrawatten. Der Hauptgewinn seiner Lotto-Tippgemeinschaft reichte nur für eine Weltreise, so muss Fichtl nun den Tippbrüdern in Oberviechtach seinen täglichen Rechenschaftsbericht liefern. Gewissenhaft wie ein Steuerbeamter, sprachlich und komisch versiert wie Politycki, schreibt er jeden Tag eine Doppelseite mit Foto, Wetterdaten, Koordinaten, Porträts und Pointen für den heimischen Stammtisch.

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