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Maximilian Steinbeis: Pascolini : Schlagt die Saupreißn, wo ihr sie trefft

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Bild: Verlag

Grantelnde Separatisten und heilige Junkies: Ein brillant-grotesker Roman von Maximilian Steinbeis imaginiert einen Konfessionskrieg in Oberbayern.

          Sie schleichen sich an, alle Fasern gespannt, eine perfekte Interaktion von Muskeln, Nerven und Instinkten. Dann machen sie einen Satz, was wörtlich zu verstehen ist, ergreifen ihre zappelnde Beute, uns, so blitzschnell, dass es kaum zu bemerken ist. Schaut man sich um, diesen geisterhaften Raubtieren ins Auge, schnurren sie bereits, lecken die Pfoten, können gar nicht unschuldig genug tun. Und doch wird man ihren Angriff nicht verwinden. Nehmen wir diesen Schwertstreich, in seiner Beiläufigkeit kaum zu übertreffen, doch von einer phantasmatischen Wucht, denn mittig durchteilt wird hier der Gegner: „Der ward vor schneller Schärfe der Spaltung nicht gewahr. Erst da er sich bücken wollte nach seinem Schwert hinab, das seiner Hand entglitten, da fiel er oben ab.“ Solche Schockerkenntnismomente brauchen eine perfekte narrative Umgebung. Hier war es Thomas Mann, der den verwundert auseinanderkippenden Ritter an peripherer Stelle seinem „Erwählten“, dem Neuarrangement der Legende vom guten Sünder Gregorius, eingefügt hat.

          Jetzt pirscht sich ein Buch an uns heran, das sich vor den Mannen der Epik verneigt, ohne sich vor ihnen verstecken zu müssen. Es handelt sich um die – in der bundesrepublikanischen Nachkriegsvergangenheit spielende – Legende vom bösen Heiligen Pascolini. Darin findet sich eine nicht weniger eindrückliche Szene. Ein Sprengstoffanschlag auf das Münchner Innenministerium reißt sechzehn Menschen in den Tod, und zwar just in dem Moment, als der Staatssekretär dem wachhabenden Kommandeur die Hand schüttelt: „Die beiden ineinander verschränkten Hände hatte man später unter den Trümmern des Eingangsportals gefunden, ein Detail, das jedem Zeitungsleser dieser Tage auf merkwürdige Weise ins Gedächtnis gebrannt ist, obwohl es doch eigentlich gar nichts besagt.“

          Groteske Gewalt

          Es versteht sich, dass dieses Schockbild doch sehr viel besagt: Die grotesk hereinbrechende Gewalt, der sinnlose Tod just im Moment der Annäherung, ja: Der Tod als ultimative Form dieser Annäherung, das ist das tiefere Thema des großartig amüsanten, barock-simplizianischen Gesellschaftsromans von Maximilian Steinbeis, der den Dreißigjährigen Krieg ins zeitgenössische Oberbayern verlegt, den „rückständigsten, ärmsten und verwildertsten Teil Deutschlands“. Immer unversöhnlicher stehen sich Katholiken und Protestanten gegenüber. Die Staatsmacht scheint machtlos, und schließlich befehden sich Milizen – so grotesk das wirkt, ist es doch nur ein Blinzeln entfernt von den jüngeren Kriegen in Europa.

          Und so wie Thomas Mann spielerisch gegen die Vorlage Hartmanns von Aue anschreibt, geriert sich auch Steinbeis’ Roman als Bearbeitung einer älteren, fiktiven Legendenfassung: der katholisch-schönfärberischen „Pascolini“-Chronik eines Freiherrn von Ergoldsbach. Die gegenwärtige Erzählerin, Camilla Friedmann, ist dagegen nicht nur evangelischer Konfession, sondern persönlich bekannt mit besagtem Matthias Pascolini, genannt Hias, Kopf einer Mafiabande im Heimatort ihrer Jugend, dem fiktiven Ort Ettengrub. Schreckliches geschah hier. Camilla ist die einzige Überlebende ihrer Familie. Noch einmal möchte sie sich jetzt – inzwischen eine erfolgreiche Strafverteidigerin – „dieser Welt aus Rauchgestalten und Nebelschemen“ zuwenden, sie erzählen, „um sie zu bannen“.

          Drogenabhängige Heilige

          In langsamer Aufblende erkennen wir eine urtümliche Dorfgemeinschaft, in der die uns geläufigen Gesetze nicht greifen; es kann nur erstaunen, in welcher Unbekümmertheit „das weiße Pulver“ hier bewirtschaftet wird. Kurios vormodern mutet es zudem an, wie hier grobschlächtige Gewaltverbrecher und ausgemergelte Drogenabhängige als Heilige reüssieren. Einend wirkt unter den katholischen Partikularisten einzig „ein knirschendes Ressentiment gegen alles, was sich nördlich des Mains abspielte“: Man kann sich nämlich nicht damit abfinden, dass „Bayern heute als entlegene Provinz eines besiegten, ruinierten und mit Blut und Schande befleckten preußischen Rumpfimperiums unter dem Spottnamen ‚Bundesrepublik Deutschland‘ dahinvegetieren“ muss. So wird aus dem preußischer Jurisdiktion immer wieder entkommenden Kriminellen Pascolini ein tragischer Volksheld.

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