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Maxim Billers „Biografie“ : Blondinen benachteiligt

Der Autor Maxim Biller Bild: Lottermann and Fuentes

Zwei Jahre im Leben von zwei jüdischen Freunden - und das ganze Leben ihrer Familien gleich mit: Maxim Billers Romanfarce „Biografie“ witzelt und kitzelt die Tragödie dahinter heraus. Doch dem Riesenbuch fehlt etwas Entscheidendes.

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          Irgendwann hockt Solomon Karubiner auf einem jüdischen Friedhof und denkt: „Bitte, bitte, lieber Gott, den es hoffentlich gibt, ich will gleich wieder die Augen aufmachen, es soll der 15. Dezember 2005 sein, ich bin zu Hause in Berlin und nichts ist passiert.“ Aber ob es nun Gott nicht gibt oder der sich einfach nicht erweichen lässt von diesem wehleidigen Bürschchen, das ihn da aus dem Heiligen Land anjammert: Es bleibt knapp zwei Jahre später, und einiges ist passiert.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wir sind ja auch schon auf Seite 795 eines insgesamt knapp neunhundertseitigen Romans, dessen eine Hauptfigur Karubiner ist, der auf den 794 Seiten zuvor einen Menschen hat umbringen wollen, zweimal beim Onanieren in der Öffentlichkeit fotografiert und dafür einmal angezeigt wurde, deshalb von Berlin nach Tel Aviv geflohen ist, seinen besten Freund Noah Forlani (die zweite Hauptfigur) im Sudan von Islamisten entführt glaubt, und generell mehr Probleme mit Vater, Mutter und älterer Schwester - schweigen wir von seinen Geliebten! - hat, als es auch eine weniger aufregende Zweijahresspanne verkraften dürfte. Man könnte mit dem Ton, der in diesem Roman vorherrscht, sagen: Solomon Karubiner ist im Arsch.

          Wobei der Autor dieses Romans, Maxim Biller, dafür im Zweifel ein jiddisches Wort gefunden hätte: Tuches etwa. Oder eines der anderen, die das menschliche Hinterteil bezeichnen, dem in diesem Buch sehr viel sexuell bedingte Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wir lernen auch zahlreiche Bezeichnungen für männliche und weibliche Geschlechtsteile kennen, denen in diesem Buch sehr viel ..., na, Sie ahnen es schon. Aber wenn Sie nun denken, darauf könnte man den knapp neunhundertseitigen Roman reduzieren, dann liegen Sie falsch.

          Arme Würstchen

          So falsch, wie Maxim Biller liegt, wenn er glaubt, er als Schriftsteller hätte die Kraftmeierpose nötig, mit der er seine Figuren zu armen Würstchen macht. Auf halber Strecke zu Seite 795 findet man Solomon Karubiners sehr kluge Bemerkung: „Wer so viele Worte macht, hat nie die ganze Wahrheit auf seiner Seite, und manchmal auch nicht die halbe.“ Nun geht es selbst in einem knapp neunhundertseitigen Roman mit dem bemerkenswerten Titel „Biografie“ nicht um Wahrheit, aber die ist der klassischen Bestimmung des Kunstschaffens eben doch miteingeschrieben, und also erwarten wir neben dem Schönen und Guten auch das Wahre: als Wahrhaftiges, und das muss nun wiederum jeder Roman, selbst der dünnste, ja dümmste, sich als Anspruch vorhalten lassen. Wie steht es also mit der Wahrhaftigkeit dieser durch den Romantitel als Lebensbeschreibung ausgewiesenen Handlung?

          Maxim Biller ist als Schriftsteller bislang leider mehr durch Skandale ins Gerede gekommen als durch seine Bücher; notorisch ist der Rechtsstreit um seinen 2003 erschienenen Roman „Esra“, in dessen offenherzigen Schilderungen sich eine frühere Partnerin und deren Mutter wiedererkannten, weshalb sie vor Gericht ein Verbot des Buchs erstritten. Viel verlorengegangen ist der Literaturgeschichte damit nicht, fortan war sie zumindest um eine Fußnote zur juristisch unzulässigen Vermischung von Realität und Fiktion reicher.

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