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Maxim Biller: Im Kopf von Bruno Schulz : In jeder Ecke ein dicker Klumpen Angst

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag Kiepenheuer & Witsch

Maxim Biller begibt sich mit seiner Novelle „Im Kopf von Bruno Schulz“ auf die Spur eines der größten und tragischsten jüdischen Schriftsteller.

          6 Min.

          Wer noch nie Bruno Schulz gelesen hat, diesen jüdischen Meister der euphorischen Metapher aus dem galizischen Drohobycz, der darf sich auf die schönsten Lesestunden freuen. Das erhaltene Werk ist schmal. Neben den seinen Ruhm begründenden autobiographischen Erzählungen „Die Zimtläden“ (1933 erschienen) und der Sammlung verstreuter Geschichten, „Das Sanatorium zur Sanduhr“, sind nur einige Aufsätze, Kritiken und Briefe erhalten, der Rest muss als verschollen gelten - auch wenn die hartnäckigen Schulz-Verehrer immer noch daran glauben, eines Tages auf einem staubigen ukrainischen Dachboden eine Mappe mit dem gelegentlich erwähnten Manuskript des Romans „Der Messias“ zu finden. Schulz hat sie, dafür gibt es verlässliche Zeugen, bei Freunden versteckt. Sind die Seiten verbrannt oder ganz einfach als Einwickelpapier verwendet worden? Es wäre der theologischen Erwartung auch fast zu viel, wenn nun, nach dem Holocaust, ausgerechnet der „Messias“ noch einmal in Drohobycz auftauchen würde.

          Die reiche, bilderreiche Sprache, mit der Bruno Schulz in allen dunklen Farben die damals triste Kreisstadt beschrieb, in der er eine ungeliebte Stelle als Kunstlehrer versah, wird einem nicht mehr aus dem Kopf gehen: „Unsere Stadt fiel schon damals immer mehr dem chronischen Grau der Dämmerung anheim, an ihren Rändern wuchsen Schattenflechten, flaumiger Schimmel und eisenfarbenes Moos.“

          Literatur auf mythischen Spuren

          In einem deutsch geschriebenen Exposé über die „Zimtläden“, das Schulz in der Hoffnung verfasste, damit italienische Verlage für sein Werk zu interessieren, formuliert er die tieferen Absichten seines Schreibens und entwickelt gleichsam aus der Hand seine Poetologie. Darin heißt es: „Der Verfasser ist von dem Gefühl ausgegangen, dass die tiefsten Gründe einer Biographie, die letzte Form eines Schicksals gar nicht durch die Schilderung eines äußeren Lebenslaufes, noch durch eine noch so tief geführte psychologische Analyse erschöpft werden könne. Diese letzten Gegebenheiten des menschlichen Lebens lägen vielmehr in ganz anderer geistigen Dimension, nicht in der Kategorie des Faktischen, sondern in der des geistigen Sinnes. Ein Lebenslauf aber, der auf seine eigene Sinnesdeutung hinaus will, der auf seine eigene geistige Bedeutung zugespitzt ist, ist nichts anderes als Mythus.

          Jene dunkle, ahnungsvolle Atmosphäre, jene Aura, die sich um jede Familiengeschichte zusammendrängt und in der es gleichsam mythisch wetterleuchtet, als ob in ihr das letzte Geheimnis des Blutes und des Geschlechtes enthalten wäre - erschließt dem Dichter den Zugang zu diesem zweiten Gesicht, zu dieser Alternative, dieser tieferen Version der Geschichte.“

          Ein beschwerliches Leben

          Bruno Schulz war eben alles andere als ein naiver Autor, der das bunte jüdische Treiben der Händler und Handwerker auf den Straßen von Drohobycz mit den artistischen Erfindungen seiner Sprache folkloristisch überhöhte. Ihm war es sehr ernst in seinem „Streben nach der absoluten Vollendung“, um die „verlorene Sache der Poesie“ vielleicht doch noch zu retten. Er war einer der letzten in der langen Reihe der jüdischen Künstler und Intellektuellen, die seit 1750 versuchten, ihr galizisches Schtetl zu verlassen, um in einer der Hauptstädte Mitteleuropas, in Prag, Budapest oder Wien, ihre Karriere als gleichberechtigte Bürger zu vollenden. Bruno Schulz, dieser sanftmütige Ästhet, wurde auf offener Straße von einem deutschen Gestapo-Mann erschossen.

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