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Maxim Biller: Im Kopf von Bruno Schulz : In jeder Ecke ein dicker Klumpen Angst

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Thomas Manns Doppelgänger

Es ist bezeugt, dass Bruno Schulz 1938/39 mehrere Briefe an Thomas Mann schrieb, dessen Josephs-Roman er verehrte; auch seine deutsch geschriebene Novelle legte er bei. Es soll tatsächlich eine Antwort von Thomas Mann gegeben haben, die allerdings wie der größte Teil der umfangreichen Korrespondenz von Bruno Schulz nie wieder aufgetaucht ist.

Wie mag wohl ein im Westen vollkommen unbekannter jüdischer Schriftsteller aus Drohobycz an den Nobelpreisträger Thomas Mann geschrieben haben? Maxim Biller versucht in seiner Novelle diese Frage zu beantworten. Nach mehreren seriösen Versuchen schreibt sein Bruno Schulz: „Lieber Dr. Thomas Mann! Obwohl wir uns nicht persönlich kennen, muß ich Sie darüber informieren, daß vor drei Wochen ein Deutscher in unsere Stadt gekommen ist, der behauptet, Sie zu sein. Da ich Sie - wie wir alle in Drohobycz - nur von Fotografien aus den Zeitungen kenne, kann ich nicht mit letzter Sicherheit sagen, daß Sie es nicht sind, aber allein die Geschichten, die er erzählt - von seiner abgetragenen Kleidung und dem starken Körpergeruch abgesehen, der ihn umgibt -, machen ihn verdächtig.“

Maxim Biller kriecht gleichsam in den Körper von Bruno Schulz, um aus dieser Innenperspektive dessen bedrückende Lebensumstände genau zu erfassen. Schulz hockt in seinem Arbeitszimmer in der Floriańska 10 im Keller, um ihn herum die ausgestopften Vögel, die in seinen Erzählungen eine bedeutende Rolle spielen und bei Biller bald zu sprechen beginnen, an den nassen Wänden seine welligen Zeichnungen mit sadomasochistischen Motiven und in jeder Ecke ein dicker Klumpen Angst, der sein Schreiben argwöhnisch verfolgt: „Du mußt zur Sache kommen“, flüstert die Angst, „weißt du, wie viele Briefe er jeden Tag bekommt?“

Die „Sache“ ist natürlich, dass der falsche Thomas Mann eine Art Spion ist und die Juden von Drohobycz ausspionieren soll vor ihrer Vernichtung. „Es ist wirklich sehr unangenehm, daß die Nazi Ihren guten Namen benutzen, sehr verehrter Dr. Mann“, schreibt Bruno Schulz bei Biller an Thomas Mann, „und weil Sie als Stimme des anderen Deutschlands auf Ihren Ruf achten müssen, wollte ich Sie warnen.“

Ein Aufruf an die Leser

Bruno schließt den Brief mit „Hochachtungsvoll, Ihr sehr trauriger und sehr ergebener Bruno Schulz“, steckt ihn in ein Couvert und kriecht „auf allen vieren“, aus dem Haus, um in seine Schule zu kommen. „Er war, obwohl schon fast eine Stunde unterwegs, gerade erst beim Portikus des Stadtparks angekommen, er atmete schwer, seine Knie waren wund und blutig, und die Tauben im Himmel über Drohobycz flogen eine nach der anderen in den roten Feuerschein hinein, wo sie wie Zunder verbrannten.“

Man muss die Werke von Bruno Schulz kennen, um die vielen Anspielungen und Echos zu verstehen, die in dem Text von Maxim Biller versteckt sind und ihm seinen Ton geben. Vielleicht war das ja der geheime Antrieb des Autors: Lest Schulz!

Und natürlich hofft man als Leser von Maxim Billers Novelle, dass das Thomas-Mann-Archiv tatsächlich so schlecht ist wie sein Ruf, damit das Original des Briefes von Bruno Schulz zusammen mit seiner deutschen Erzählung doch noch die Welt jenseits von Drohobycz erreicht.

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