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Maxim Biller: Im Kopf von Bruno Schulz : In jeder Ecke ein dicker Klumpen Angst

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Wer sich mit dem Leben dieses galizischen Unglücksraben beschäftigen will, wie es Maxim Biller jetzt mit seiner Novelle „Im Kopf von Bruno Schulz“ tut, der muss sich auf eine bittere Reise gefasst machen. Nichts wollte Schulz gelingen. Die endlosen, kafkaesken Schreiben an die Schulbehörden, ihm eine feste Stelle zu geben, und später, als er sie endlich hatte, ein bezahltes Freijahr, die Bitte um Versetzung nach Warschau, wo die polnische Avantgarde um seine Freunde Gombrowicz, Tuwim und Witkiewicz gerade Aufmerksamkeit erregte, und schließlich die Bitte um Urlaub, um seine angeschlagene Gesundheit zu kurieren - diese Schreiben brechen einem das Herz, denn sie waren alle - vergeblich. Im Jahre 1932 muss er auf der Konferenz für Handarbeitslehrer in Stryj - wo ein Jahr später Louis Begley als Ludwig Beglejter auf die Welt kam - einen Vortrag zum Thema „Die künstlerische Formgebung in Pappe und ihre Anwendung in der Schule“ halten: für den bedeutenden Graphiker und Radierer Schulz eine Tortur. Immer kam etwas dazwischen, immer wurde er unterbrochen, nie war es ihm gestattet, kontinuierlich an seinem Werk zu arbeiten.

Ausgrenzung, Demütigung, Mord

Die Versuche, seine Geschichten in Übersetzungen herauszubringen, scheiterten trotz der Fürsprache so prominenter Zeitgenossen wie Joseph Roth. Schulz schreibt sogar eine Geschichte in deutscher Sprache, „Die Heimkehr“, die aber auch keinen Verleger fand und seither als verloren gilt. Schließlich unternimmt er im August 1938 - mit fast allen seinen Zeichnungen im Gepäck - eine abenteuerliche Reise rund um das faschistische Deutschland nach Paris, weil er dort Anerkennung erhoffte. Und Schutz vor der deutschen Entwicklung, denn inzwischen waren der Anschluss Österreichs erfolgt und die Besetzung der Tschechoslowakei. Doch die Pariser befanden sich in der Sommerfrische, keiner hatte Zeit für den korrekt gekleideten kleinen Mann aus Galizien mit der Rolle seiner Zeichnungen unter dem Arm.

Die nun folgende Geschichte vom Ausbruch des Krieges, vom Überfall auf Polen und von der sofort einsetzenden Verfolgung und brutalen Tötung von Juden, auch in Drohobycz, von der Besetzung durch sowjetische Truppen und dem stalinistischen Terror, von der Zurückweisung seiner Erzählungen mit der Begründung: „Wir brauchen keine Prousts!“, von der deutschen Besetzung seiner Heimatstadt im Juni 1941 bis zum bitteren Ende - diese deutsche Geschichte ist zu furchtbar, um sie hier zu wiederholen. Auf jeden Fall darf der Jude Bruno Schulz in seiner Heimatstadt nicht mehr auf dem Gehsteig gehen oder in arischen Krankenhäusern behandelt werden; die jüdischen Waisenkinder werden als unnötige Esser gleich mit den Erzieherinnen erschossen.

Schriftsteller, Graphiker, Opfer des Holocaust: Bruno Schulz im Jahr 1935
Schriftsteller, Graphiker, Opfer des Holocaust: Bruno Schulz im Jahr 1935 : Bild: Carl Hanser Verlag

Am 19. November 1942 feuert der SS-Scharführer Karl Günther zwei Schüsse auf Bruno Schulz ab, die ihn auf der Stelle töten. Der Mörder brüstet sich damit, den Schützling eines anderen brutalen Mörders, des SS-Manns Felix Landau aus Wien, für dessen Kinder der Maler Schulz für einen Teller Suppe die Zimmer mit Fresken versehen hat, erschossen zu haben. Es ist und bleibt eine der widerlichsten Geschichten des langen, überlangen zwanzigsten Jahrhunderts.

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