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Maxim Biller: Der gebrauchte Jude : Wir sind eine kleine Familie, vergiss das nicht

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Bild: Verlag

Was bedeutet es heute, in Deutschland Jude zu sein, und was bedeutet es, wenn dieser Jude Maxim Biller ist? In seinem neuen Buch vermisst der Schriftsteller seine Identität.

          Als ich jetzt von Hamburg kommend auf dem Weg nach Konstanz durch Frankfurt im Zug über die Mainbrücke fuhr, sah ich auf Maxim Billers Pyramiden, und mir wurde klar, warum ich diese gläsern glitzernden Finger, wie sie gegen den Himmel aufzeigen, schon immer mochte. „Das war wie in Ägypten Pyramiden zu bauen, aber diesmal nicht, um den Pharao glücklich zu machen, sondern die eigenen Kinder. Es waren starke und harte jüdische Männer, die das neue Frankfurt errichtet hatten . . . Sie ließen die rechte deutsche Polizei anfahren und die linken deutschen Nazikinder an ihren langen Haaren aus den verfallenden Westendhäusern tragen, sie machten endgültig hundert Jahre deutscher Gemütlichkeit kaputt.“

          So liest man es in Maxim Billers neuem Buch „Der gebrauchte Jude“, Untertitel: „Selbstporträt“. Der darin sich selbst porträtierende Autor provoziert seine Leserschaft ihrerseits zur Selbstbetrachtung. Und da die meisten Leser keine Juden sein werden, könnte ihnen entgehen, dass es dem Autor in der hier zitierten Passage keineswegs bloß darum zu tun ist, die Häuserkämpfer von einst zu reizen und aufzubringen.

          Rachebedürfnis, gewendet in eine Art humane Arroganz

          Auch war es keineswegs so, dass sich alle jüdischen Kinder an den Frankfurter Pyramiden ihrer Väter erfreuten. Und schon gar nicht hätte ein Ignatz Bubis, mächtiger Immobilienmakler und Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, als Überlebender der Schoa ein durchaus legitimes Rachebedürfnis etwa bejaht. Stattdessen und viel lieber, wenn es trotz inneren Aufruhrs gelang, nach außen gewendet eine Art humane Arroganz.

          Nicht einer deutschen Öffentlichkeit und auch nicht den eigenen Kindern gegenüber konnte jemals die Rede sein von der unstillbaren Sehnsucht nach Rache und dem Schmerz über ihre Vergeblichkeit. Die antisemitische Projektion vom endlos rachsüchtigen Juden mussten und müssen Juden zu allen Zeiten einkalkulieren. Wieso ausgerechnet nach der Schoa nicht mehr? Sogar im Blick der eigenen Töchter und Söhne, die so schön Deutsch sprechen wie richtige Deutsche, fürchten die Überlebenden, sich als Kaufmann Shylock wiederfinden zu müssen, Shakespeares ewiger Jude, der auch nicht mehr verlangte, als was rechtens war und ihm der Christ zu tun übrigließ: Filetstücke aus dem Weichteil der Stadt sich schneiden.

          Ein Buch übers Judesein

          Worum geht es in Maxim Billers Buch? Es geht ums Judesein, und zwar ums Judesein der Nachgeborenen vor den Augen der jüdischen Elterngeneration in der deutschen Öffentlichkeit. Es geht um die Selbstbehauptung des nachgeborenen Juden gegenüber den Vergasten, den Davongekommenen und den Überlebenden. Herauszutreten aus diesem Schlagschatten. Dem Traumatischen der Eltern eigene Formulierungen anzutun und was geschehen ist, in die eigene Sprache zu nehmen. Nicht mehr nur zu memorieren, was einem vom Leben und Sterben der Verlorenen eingetrichtert wurde. Nicht den heimlichen Rächer machen. Auch nicht länger den linken Nazikindern jeden Monat in hundert Zeilen den Hass-Juden spendieren. Wie aber das eigene Judesein befreien von solchem Gift? Darüber gibt Maxim Biller in diesem Buch Auskunft.

          „Judesein ist ein seltsames Wort“, sagt Marcel Reich-Ranicki auf Seite 167. Es ist Maxim Billers Wort. Seine Begegnungen mit Reich-Ranicki gehören zum Eindrucksvollsten in diesem Buch. Mag es bei allen von Biller namentlich Genannten letztlich unbedeutend sein, ob es sie so gibt oder gab, ob man sie kennt oder nicht, denn wirklich zählt allein doch nur, was der Autor durch sein Schreiben ver-mitteln kann und in den Lesern aufzurühren vermag. Hier nicht. Hier vollführt Realität in ihrer literarischen Verdichtung vor unseren Augen einen atemraubenden Seiltanz. Man liest und staunt und ist bezaubert.

          Die Vaterfigur Marcel Reich-Ranicki

          Denn dieser Mann ist allen bekannt, die Literatur lesen und Literatur schreiben. Marcel Reich-Ranicki ist die vom Autor gesuchte Vaterfigur, und Biller ist keineswegs ein von diesem Literaturkritiker gelobter Schriftsteller. Vor ihm kommt der im Dreieck Hamburg, München, Frankfurt Hastende zur Ruhe, vor ihm wird jegliche rauschhaft ins Bodenlose stürzende Gigantomanie des jungen Juden unwichtig. Der Alte ist ganz bei sich, ist darin unbestechlich, und Maxim Biller gelingt es im Gegenüber zu Marcel Reich-Ranicki unerschrocken zu bleiben und zärtlich zu sein.

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