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Max Scharnigg: Die Besteigung der Eiger-Nordwand : Basislager Kinderwagen

Bild: Verlag

Scheut die große Anstrengung und könnte auch eine mustergültige Novelle sein: Max Scharniggs hübscher Roman „Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe“ braucht kein echtes Alpenmassiv.

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          So ein possierliches Textchen. 144 Seiten kurz und derart sympathisch, dass man es am liebsten umarmen und vor den Zumutungen des harschen Betriebsalltags schützen möchte. „Ein kleiner Text“, das befand vor einem knappen Jahr auch die Jury beim Klagenfurter Wettlesen, als Max Scharnigg daraus vorlas. Nun ist der kleine Text zu einem kleinen Roman angewachsen, obwohl es schön und auch passend gewesen wäre, „Novelle“ auf den Umschlag zu schreiben.

          Denn „Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe“ erfüllt mustergültig alle Kriterien der Gattung. „Irgendetwas war vorgefallen“, schließt der Erzähler namens Nikol zu Beginn, denn vor der Wohnungstür im zweiten Stock, hinter der er und seine Freundin ein zurückgezogenes Leben führen, steht plötzlich ein fremdes Paar Schuhe. Unfähig, auf dieses Eindringen des Unerklärlichen in seine Privatsphäre zu reagieren, dreht Nikol sich um und quartiert sich im Treppenhaus ein, gut versteckt hinter einem Kinderwagen. Das ist förmlich das Basislager am Fuße des Aufstiegs.

          Zu passiv, um sich dagegen zu wehren

          Denn eigentlich ist das hier eine Bergsteigergeschichte. Nikol, der Journalist, arbeitet seit einiger Zeit an einem Artikel zur Erstbesteigung der Eiger-Nordwand. Doch genauso, wie er nicht imstande ist, die Treppe zu seiner Wohnungstür zu erklimmen, so wenig ist er imstande, den historischen Aufstieg der Pioniere Anderl und Wiggerl in Worte zu fassen. Ein Treppengebirge und ein Textgebirge tun sich vor ihm auf, und es bedarf eines ausgewiesenen Experten, ihn am Seil und gut gesichert gegen Abstürze da hinaufzuführen.

          Der Experte findet sich schließlich in Gestalt des Nachbarn Schmuskatz, der es schafft, noch kauziger als Nikol selbst zu sein und noch interessantere Marotten zu pflegen. Er ernährt sich ausschließlich von Paprikahendl, was sentimentale Gründe hat, und war früher einmal Gletscherfotograf. Ein echter Alpinist also. Ein Paprikahendl und Unmengen Goldwassers später steht für Schmuskatz fest: „Wir gehen rauf und sehen nach. Das ist das Einfachste.“ Und Nikol ist schon wieder viel zu passiv, um sich dagegen zu wehren.

          Aber nur, wenn man sich ordentlich betrinkt

          Was dann folgt, ist der beste Teil des Texts: ein einigermaßen aberwitziger Aufstieg, der das nächtliche Erklimmen der Haustreppe unter beträchtlichem Alkoholeinfluss mittels Seil, Helm und Kartenmaterial als Bergsteigerroman erzählt, was für einige komische Momente sorgt. Und die Geschichte von der Eiger-Nordwand, von Anderl und Wiggerl und dann auch Heinrich Harrer, wird abschnittsweise eingeschoben. Das ist ein sehr hübsches Kabinettstückchen. Die Analogie Berg/Treppe bricht Scharnigg bis zum Ende nicht, sondern marschiert zielstrebig durch, Überraschungen gibt es keine.

          Dabei wäre man so gern überrascht worden. Der kleine Text, der so sympathisch daherkommt, hinterlässt nur das schale Gefühl, dass es sich der Autor viel zu leicht gemacht hat und sein eigenes Textgebirge allzu geradlinig hinaufflaniert. Lange Strecken der Nacherzählung ermüden, die die Handlung um Nikol und seine Haustreppe in einem Genre verorten, das heutzutage mangels unbestiegener Berge kaum noch existiert. Denn, so lautet eine vielstrapazierte Binsenweisheit, die wahren Abenteuer finden mittlerweile an anderen Orten statt - im Hausflur beispielsweise. Aber auch nur, wenn man sich ordentlich betrinkt, sonst wäre auch das zu einfach.

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