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Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch : Auch auf Impotenz ist kein Verlass

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Bild: Suhrkamp

Unverhofft ist er hier noch einmal zu hören, der Zeitgeist der frühen achtziger Jahre – von einem der Klassiker des Jahrhunderts: Max Frischs „Entwürfe zu einem dritten Tagebuch“.

          Der alte Max Frisch wurde zum Virtuosen der Verknappung und Aussparung, er entwickelte seine Schweizer Spielart der Lakonie. Immer spärlichere Werke wurden dem Misstrauen gegenüber dem Erzählen abgewonnen. Dass sein Tagebuch aus den Jahren 1982/83 nun als Zufallsfund veröffentlicht wird, hat angesichts dieser Tendenz zum allmählichen Verstummen und Verschwinden eine gewisse Logik. Der Autor hatte den aufgegebenen Text, weil er ihn für vernichtet hielt, für Nachlassverfügungen überhaupt nicht mehr in Betracht gezogen; vor einiger Zeit wurde in den Unterlagen seiner damaligen Sekretärin eine Abschrift gefunden. So kommt der späteste Frisch auf die Nachwelt: aus dem Abfall geborgen. Lakonischer geht’s nicht; vielleicht hätte ihm das sogar gefallen.

          Dabei enthält dieses Tagebuch durchaus nicht nur Mäßiges und Unfertiges, sondern auch sorgfältig bearbeitete und verdichtete Texte, große Passagen wie die Phantasmagorie vom „Lebensabendhaus“. Groß ist allerdings auch Frischs Unlust an Worten und Meinungen; sie hemmt die literarische Arbeit.

          Verdruss und Langeweile

          Schon die 1982 erschienene Erzählung „Blaubart“ wird hier als „Fratze“ und „gekonnte Grimasse“ verworfen. „Es langweilt mich jeder Satz, den ich geschrieben habe“; „Ein fast unüberwindlicher Ekel vor der Schreibmaschine“; „Ich schüttle Sätze, wie man eine kaputte Uhr schüttelt.“ Mit meditativer Bewunderung schaut er dagegen einem alten Handwerker beim Bauen einer Mauer zu: diese „Zärtlichkeit mit einem Stein“, diese „tätige Geduld“, die er selbst als Autor mit schwerem Alkoholproblem nicht mehr aufbringt.

          Die Begründung, die Frisch für die versiegende Produktivität gibt, kann nicht überzeugen: „Offenbar verdränge ich, was ich durch das Alter erfahre, und deswegen habe ich nichts zu sagen.“ In Wahrheit hat er die Erfahrung des Alters nie verdrängt, sondern sich schon in vergleichsweise jungen Jahren darauf gestürzt. Im „Tagebuch 1966–1971“ gehören die Reflexionen über das Altern zum Stärksten; bereits in „Homo Faber“ erlebt sich Walter Faber als auf suspekte Weise alt im Gegensatz zu seiner übermäßig jungen Freundin.

          Das Alter ist ein Stück gelebter Verfremdung und das Überspielen seiner Spuren eine Komödie – von daher so ungemein produktiv für Frischs psychologische Beschreibungskunst. Auch in diesem Tagebuch blitzen bisweilen in alter Weise dialektischen Pointen auf: Warum findet man sich mit dem Verlöschen der Sexualität im Alter nicht ab? „Weil auch auf Impotenz kein Verlass ist.“

          Stimmungskunst und Todesnähe

          Ein verlässliches Leitmotiv ist der Tod: Sei es, dass dank der Rodearbeit eines Gärtners plötzlich der benachbarte Friedhof unvermutet ins Sichtfeld rückt, sei es, dass übler Aasgeruch aus dem Tessiner Keller aufsteigt – Schaden der Kühltruhe nach Gewitter. Oder sei es ein Zwischenfall in Ägypten, auf der letzten Reise mit dem unheilbar an Blasenkrebs erkrankten Freund Peter Noll, dem Frisch hier ein anrührendes Gedenken widmet.

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