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Matt Ruffs Roman „Mirage“ : Als die Tigris-und-Euphrat-Zwillingstürme einstürzten

Die Aussicht auf absolute Herrschaft

Märchenhaft orientalisch ist also die Szenerie, die Ruff erzeugt, aber alles wird eingepasst in einen Verschwörungsthriller. Sein „Mirage“, im Original schon 2012 erschienen, ist das genaue Gegenteil von Frank Schätzings neuem Roman „Breaking News“, denn Ruff benutzt alle recherchierten Fakten nur dazu, die Realität tatsächlich zu spiegeln, also deren Seiten zu vertauschen, während Schätzing möglichst nahe an der Wirklichkeit bleibt. Ruff ist aber auch weniger als Spannungsautor bekannt, sondern seit seinem Debüt mit dem Campusroman „Fool on the Hill“ (1988) und dann vor allem dank seiner 1997 erschienenen „G.A.S.“-Trilogie, die im New York des Jahres 2023 spielt, gilt er als besonders komischer Erzähler. Diesen Ruf löst er mit „Mirage“ bei aller Dramatik des Geschehens abermals ein.

Dabei geht es überaus blutig zu im arabischen Kampf gegen den Terror, der das Polizistentrio auch einmal ins mühsam befriedete Amerika führt, wo man sich nur in gepanzerten Wagen bewegen kann, weil alles voller christlicher Heckenschützen ist. Doch die eigentlichen Feinde sitzen zu Hause und träumen von einer ihnen durch rätselhafte Artefakte vermittelten zweiten Wirklichkeit, in der am 11. September 2001 ein starkes Amerika angegriffen worden ist. Denn noch besser, als Senator oder Bandenchef zu sein, ist die Aussicht auf absolute Herrschaft, wie sie in der Parallelwelt ein Staatspräsident Saddam und ein Terroristenführer Usama Bin Ladin über ihre Gefolgsleute auszuüben scheinen.

Was mag die beiden Übersetzer getrieben haben?

Ruff liefert also mit „Mirage“ nicht nur eine köstliche Geschichtsfarce, er vermittelt auch subkutan eine geradezu philosophische Betrachtung zur Zwangsläufigkeit historischer Ereignisse. Dass er sich dabei nicht um Fragen nach Plausibilität oder gar Realismus schert, ist nur konsequent, schließlich nimmt er selbst sich Scheherazade als Vorbild, und genauso spannend wie die Erzählerin aus „Tausendundeiner Nacht“ erzählt er. Auch genauso phantastisch. Und mit vielen Anspielungen auf die Offenbarungstexte der großen monotheistischen Religionen. Für Matt Ruff gilt somit im besten Sinne, was er Saddam Hussein einmal sagen lässt: „Die Amis ... Ständig bringen die Phantasie und Wirklichkeit durcheinander.“

Wobei es schade ist, dass auf Deutsch der amerikanische Titel beibehalten wurde, denn „Fata Morgana“ wäre nicht nur allgemeinverständlicher gewesen, sondern hätte uns auch den ständig wechselnden Gebrauch dieses Begriffs und der Rede von „Mirage“ im Laufe der Handlung erspart. Was mag da die beiden Übersetzer getrieben haben, wo sie doch auch aus den UAS (United Arabian States) des Originals die VAS gemacht haben, obwohl das der bei uns gleichfalls gebräuchlichen Abkürzung USA viel ferner ist? Der Tonfall Matt Ruffs in seiner Mischung aus Märchen-, Mythen-, Thriller- und Satire-Elementen ist bei der Übersetzung noch herauszuhören, aber einiges in der deutschen Fassung hätte etwas mehr Übersetzerphantasie gebrauchen können.

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