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Roman von Matias Faldbakken : Ekstase, begleitet von Metallica

  • -Aktualisiert am

In Norwegen ist man raue Verhältnisse gewohnt – aber auch solche, wie Matias Falbakken sie schildert? Bild: Github

Mit der geballten Aggressivität des Internets: In Matias Faldbakkens funkensprühendem Roman „Wir sind fünf“ kommt der Golem in die norwegische Provinz.

          3 Min.

          Am besten: keine Rezension schreiben. „Wir sind fünf“ von Matias Faldbakken ist einer der raren Romane, bei denen man im Voraus rein gar nichts vermelden sollte – man muss ihn einfach aufschlagen und lesen, einfach hineinspringen und ignorieren, dass die Schocker-Trilogie „Skandinavische Misanthropie“, die den Autor zu einem „enfant terrible“ der norwegischen Literaturszene werden ließ, nicht jeden zur Lektüre eingeladen hat.

          Also alles Folgende nur mit „Spoiler-Warnung“ (ganz im Ernst: Lesen Sie lieber nicht weiter, lesen Sie Faldbakken). „Wir sind fünf“ ist ein Drogen- und Männlichkeitsdrama, eine Provinz- und Ehesatire, eine handwerklich fast unverschämt sauber gearbeitete, auf einen echten Höhepunkt hinschnurrende tragische Erzählung – und mittendrin ein Überraschungsmoment, mit dem sich der auffallend gewöhnlich beginnende Roman in ein Sci-Fi-Horror-Kunstmärchen verwandelt.

          Die Boshaftigkeit von Menschen 

          Die von Faldbakken in einem freundlich-amüsierten Sound geschilderte Story handelt nämlich nicht einfach vom talentierten Tormod, einem „stattlichen Kerl“, der sein Leben beinahe durch seine Rauschsucht in den Sand gesetzt hätte, wäre da nicht Siv gewesen, die ihn rettete und ihm zwei Kinder gebar. Sondern sie handelt auch von einem fünften Familienmitglied: einem Stück Ton.

          Matias Faldbakken: „Wir sind fünf“.
          Matias Faldbakken: „Wir sind fünf“. : Bild: Heyne Verlag

          Das erwacht wie weiland der Golem zum Leben, ist drollig und hilfreich. Bis die Tonkreatur mit der Boshaftigkeit von Menschen in Berührung kommt, die ganze Aggressivität des Internets in sich auflädt, im Dorf Furcht und Schrecken verbreitet und wieder eingefangen werden will, um (noch) Schlimmeres zu verhüten.

          Man fügt sich dem Schicksal

          Die Jagd wird zum ultimativen Test, ob Tormod zu etwas taugt. Oder doch nur Siv, die zwar nicht mehr ist, was sie als junge Frau war, jedenfalls nicht aus Tormods Warte – aber immerhin hat sie, bevor sie sich auf ein Dasein mit Fernsehberieselung, Knabberzeug und Weißwein beschränkte, bereits ein Leben gerettet (Tormods) sowie im eigenen Körper zwei neue geschaffen (ihre Kinder Alf und Helene). Das konnte Tormod nur temporär über das Haus ausgleichen, das er ihr zum Dank für seine Errettung mit eigenen Händen gebaut hat. „Wir sind fünf“ ist unter anderem ein Midlife-Krisenroman, wenn auch wesentlich schräger als andere norwegische Krisenromane wie Nina Lykkes „Aufruhr in mittleren Jahren“ oder Per Pettersons „Männer in meiner Lage“.

          Ort der Handlung ist eine Siedlung drei Stunden nördlich von Oslo, was dem Roman in Norwegen die Umschreibung „Provinz-Roman auf Speed“ eingebracht hat. Man weiß allerdings auch aus der deutschen Provinz, wie es um die Bevölkerung solch verstreuter, gern von etwas hässlichem Gewerbe umgebener Orte bestellt ist: Sie bestehen aus Leuten wie Siv und Tormod, die schon seit der Schule zusammen sind und karrieremäßig durchaus das Zeug zu mehr gehabt hätten – aber im Ort zu bleiben, wo Tormod in der Tischlerei des Vaters anfängt und Siv einen Friseursalon eröffnet, das scheint nur natürlich zu sein. Man fügt sich, wie alle, dem Schicksal. Die Kinder werden größer. Und ewig rattern die Rasenmäher.

          „Kill ’Em All“

          Irgendwann muss ein Hund her. Er soll das „fünfte, aber entscheidende Rad“ der Familie sein, meint Tormod, der Siv vergeblich zu einem dritten Kind gedrängt hatte und die Zahl außerdem mag: „Eine symmetrische Zahl – fünf war harmonischer als vier.“ Aber dann läuft das Tier weg, und Tormod zieht sich zurück in seine Garagenwerkstatt mit 3D-Drucker und IT-Einrichtung, wo er sich ganz als der geniale Wissenschaftler fühlen darf, der er dank des abgebrochenen Elektronikstudiums nie werden konnte. Er baut mit den Kindern Figuren aus Ton, experimentiert mit Lehm, weil er trotz des Digitalen eher ein analoger Zeitgenosse ist.

          Per Zufall kommt Tormod dabei wieder in Kontakt mit einem Jugendfreund, mit dem er besser nicht abermals in Kontakt gekommen wäre: Erlend war einst der Kumpel, über den Tormod an die Drogen geriet und in „das absolute Gegenteil“ seines sanftmütigen Ichs verwandelt wurde. Und ausgerechnet der ist nun Experte für „organisches Plastilin“, so dass sich ihre Leidenschaft unglücklicherweise fatal ergänzt. Das Wiedersehen in der Werkstatt, eine von Metallicas Album „Kill’ Em All“ (!) begleitete Ekstase, kann nicht anders als rauschhaft geraten. Es lässt uns für einen Moment überlegen, ob nicht auch „Wir sind fünf“ ein Versuchsaufbau zum Thema Nostalgie ist, wie ihn Faldbakken mit seinem letzten, vom Stil der skandalträchtigen „Misanthropie“-Trilogie merklich abweichenden Roman „The Hills“ um die Stammgäste eines Edel-Restaurants vorgelegt hat. Den Rest kann man sich denken.

          Es leuchtet! Seht!

          Oder auch nicht. Denn wer kommt schon darauf, dass eine zusammengerührte Portion Ton, die schon vor dem Besuch von Erlend auf seltsame Weise wuchs, regelrecht zu leben beginnen könnte? Eine von Faldbakken, der auch bildender Künstler ist, langsam über verschiedene Stufen hinweg aufgebaute, märchenhaft wie in einem Tim-Burton-Film geschilderte Unglaublichkeit, die Tormod und Erlend als zufällige Erschaffung eines „Softroboters“ deuten.

          Und da sitzen wir dann: mit offener Kinnlade vor einem Buch, das urplötzlich einen technologiekritischen Einschlag bekommen hat. Genauso wird das laufen. Eines geschichtsträchtigen Tages werden irgendwelche bedröhnten Hobbytüftler aus der Provinz zusammen mit Kollege Zufall den Homunculus erschaffen: „Es leuchtet! Seht! Nun läßt sich wirklich hoffen, daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen, durch Mischung – denn auf Mischung kommt es an – den Menschenstoff gemächlich componiren, in einen Kolben verlutiren und ihn gehörig cohobiren, so ist das Werk im Stillen abgethan.“

          Wir kichern allerdings nur, bis das Gespenstische überhandnimmt, die Vorahnung einer Katastrophe zurück ist und unser Lachen über die grotesken Szenen im Hals stecken bleibt. Die letzte Seite: eine Knobelaufgabe.

          Matias Faldbakken: „Wir sind fünf“. Roman. Aus dem Norwegischen von Maximilian Stadler. Heyne Verlag, München 2020. 254 S., geb., 22,– €.

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