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Matias Faldbakken: Unfun : Das dunkle Herz Europas

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Matias Faldbakken vollendet mit „Unfun“ seine Trilogie der Skandinavischen Misanthropie. Trotz abstossender Obszönitäten ist es dem Autor gelungen, Essayistisches und Albernes in seinen durch konzeptkünstlerische Ideen rasenden Roman zu integrieren.

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          David Foster Wallace nannte die Materialschlacht eines Films wie „Terminator 2“ „Special Effects Porn“, während der sogenannte „Torture Porn“, die freimütige Inszenierung teuflischer Folterfantasien, in den letzten Jahren mit Filmen wie „Hostel“ oder „Saw“ auch hierzulande erfolgreich im Kino lief. Matias Faldbakkens neuer Roman „Unfun“ wiederum wird als literarische Gesellschaftspornographie klassifiziert. Der norwegische Autor und Künstler, Jahrgang 1973, schließt damit seine Trilogie der Skandinavischen Misanthropie ab, die mit „The Cocka Hola Company“ und „Macht und Rebel“ ihren durchaus umstrittenen Anfang nahm.

          Im Vordergrund Romans stehen zunächst deutliche Bezüge auf die genannte Unterabteilung des Horrorgenres, auf Slasher- und Splatterfilme. Man muss allerdings kein Kenner dieser abseitigen Kulturprodukte sein, um Matias Faldbakkens brutaler Satire folgen zu können. Schließlich geht es ihm um Konzepte, und es wird schon auf den ersten Seiten erklärt, was es etwa filmwissenschaftlich mit der Theorie des „Final Girl“ auf sich hat, jenem sittsamen Mädchen, das in der Fiktion jeden psychopathischen Messerstecher am Ende zur Strecke bringt.

          Zerstückeltes Herz

          Matis Faldbakken dreht den Spieß hier ebenso geschickt um wie einer seiner Protagonisten: Slaktus, laut seiner von ihm mehrfach misshandelten früheren Freundin Lucy ein neuer Typ Mann, ein „Gewaltintellektueller“, will mit „Deathbox“ ein Internetspiel kreieren, das Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ umkehrt. Darin soll der Spieler in die Rolle eines Schwarzen schlüpfen, der mit einer Steinsäge mordend durch Paris zieht, um das dunkle Herz Europas in Stücke zu schneiden.

          Um sein blutrünstiges Szenario auf die Spitze zu treiben, erklärt Faldbakken zudem einige Romanfiguren zu Abkömmlingen des afrikanischen Ik-Stammes, wobei er den fragwürdigen Anthropologen Colin Turnbull beim Wort nimmt. Dieser hatte dem berüchtigten „Volk ohne Liebe“ attestiert, unbarmherzig und egoistisch zu sein und selbst über Grausamkeiten im engsten Familienkreis zu lachen. Die hier zu erwartende, abgenutzte Phrase, dass jemandem das Lachen im Halse steckenbleiben werde, pervertiert Faldbakken allerdings hier selbst hier konsequent.

          Sadistische Auswüchse

          Im Kern geht es in „Unfun“ um Penetration, im sexuellen wie gewalttätigen Sinne; es geht um Rassismus, um das Geschlechterverhältnis und um popkulturelle Phänomene, die Rückschlüsse auf ein soziales Gefüge zulassen, das sich an sadistischen Auswüchsen virtuell wie real delektiert. Dem Leser wird dabei viel abverlangt, weil Faldbakken vor keiner Geschmacklosigkeit zurückschreckt. Er schreibt gelegentlich abstoßend und obszön, versteht es jedoch zugleich, Essayistisches und Albernes in seinen durch konzeptkünstlerische Ideen rasenden Roman zu integrieren. „Unfun“ ist der furioseste, vielleicht sogar der schlüssigste Teil einer Trilogie, die ganz sicher nicht nur Verächter der Menschheit zur Hand nehmen sollten.

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