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Mathias Énard: Straße der Diebe : Ganz Europa wird brennen

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser Berlin

Wohin diese Reise geht, ist schwer zu sagen: Mathias Énards „Straße der Diebe“ ist ein bisschen Bildungsroman, etwas Abenteuerroman und ein Schuss Krimi. Ein Roman, der versucht aus der politischen Gegenwart zu sprechen.

          3 Min.

          Aus Frankreich erreichen uns in diesem Bücherherbst - der strenggenommen bereits ein Büchersommer ist, denn die ersten wichtigen Neuerscheinungen sind schon da - zwei Romane, die besondere Aufmerksamkeit beanspruchen. Zum einen erscheint in einigen Wochen der dicke, hochgelobte und, wie die Presseabteilung des Verlags nicht müde wird zu betonen, mittlerweile

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          zu Hunderttausenden verkaufte Debütroman des erst 28 Jahre alten Joël Dicker. Zum anderen ist soeben der neue Roman von Mathias Énard veröffentlicht worden. Und Énard ist einer, dessen Büchern wir spätestens seit dem hervorragenden Mannutroman „Zone“, der eine in einem einzigen Satz geschriebene tour de force durch die Geschichte des Mittelmeerraums bot, immer erwartungsfroh entgegensehen.

          Stoff unmittelbar aus der Aktualität

          Sein neues Buch heißt „Straße der Diebe“ und wird, um es gleich zu sagen, diesen Erwartungen leider nicht gerecht. Dabei erfüllt der Roman nahezu mustergültig einige der Ansprüche, die zumindest in Deutschland immer wieder an die Gegenwartsliteratur gestellt werden. Vor allem aber zieht er seinen Stoff unmittelbar aus der Aktualität. Denn Énard hat die Geschichte des jungen Marokkaners Lakhdar vor dem Hintergrund der nach wie vor schwelenden Revolten in Ägypten, Tunesien und Libyen, des Bürgerkriegs in Syrien, aber auch der europäischen Krise angesiedelt. Allerdings will der damit verbundene Versuch, das Schicksal eines Einzelnen mit einem Panorama über die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse dies- und jenseits des Mittelmeeres zu verquicken, nicht recht gelingen.

          Lakhdar lebt in der Banlieue von Tanger. Er wirkt, trotz bescheidener Verhältnisse, nicht unglücklich und ist entsprechend verzweifelt, als er eines Tages beim heimlichen Liebesspiel mit seiner Kusine vom Vater überrascht wird. Wie die Sitten es vorschreiben, muss Lakhdar die Familie daraufhin verlassen. Zwei Jahre lang irrt er durchs Land, bettelt, prostituiert sich, wird misshandelt und verhaftet und ersucht schließlich seinen Jugendfreund Bassam um Hilfe. Der, ein einfacher, gutmütiger Kerl, der sich für nichts so begeistern kann wie für vorbeilaufende Touristinnen in engen T-Shirts, organisiert Lakhdar Unterschlupf bei einer „Gruppe zur Verbreitung des koranischen Gedankenguts“.

          Hier gewährt man Lakhdar nicht nur ein eigenes Zimmer, sondern auch einen kleinen Vorschuss und vertraut ihm überdies die Verwaltung der Bücherbestände an, die überwiegend aus saudi-arabischer Erbauungsliteratur bestehen. Und hier bekommen wir es zum ersten Mal mit einem auch für den weiteren Verlauf des Buches typischen Glaubwürdigkeitsproblem zu tun, was die Person dieses Lakhdar angeht. Denn man fragt sich: Wie kann einer, der zwei Jahre lang in Marokko auf der Straße lebte, so naiv geblieben sein, dass er nicht sofort begreift, welchen Preis die Großzügigkeit dieser offensichtlich sehr religiösen Gruppe eines Tages haben könnte?

          Dass es so weit schließlich nicht kommt, hat Lakhdar denn auch keineswegs eigenem, gar entschiedenem Handeln zu verdanken, sondern einer Reihe von Zu- und Glücksfällen, auf die der Roman immer wieder zurückgreift, wenn die Geschichte sich anders nicht voranbringen lässt. So begegnet er auf einem seiner Streifzüge durch die Stadt der spanischen Studentin Judit. Sie will Arabisch lernen, er liebt Bücher und hilft ihr gern. Die beiden verbringen ein paar magische Tage in Tunis, und schon bald wird Lakhdar der Traum vom Exil in Spanien, den er, anders als viele seiner Altersgenossen, eigentlich nie gehegt hat, ständig begleiten.

          Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die verschlungenen Pfade, auf denen es Lakhdar irgendwann tatsächlich gelingt, nach Barcelona zu reisen, nachzuzeichnen. Erwähnenswert ist nur, dass wir mit ihm abermals einer Reihe von Personen begegnen, etwa dem alten Seemann Saadi und dem spanischen Bestatter Cruz, die dem jungen Marokkaner aus Gründen, die sich dem Leser nicht erschließen, freundlich gesinnt sind und ihm helfen.

          Unentschieden in der Form

          Das Fehlen plausibler Verbindungen, das die Figurenkonstellation insgesamt kennzeichnet, setzt sich auch auf einer anderen Ebene fort. Énard lässt seinen Protagonisten, der als Ich-Erzähler durchs Geschehen führt, eine Reihe von politischen Überlegungen anstellen. So kommt die Rede oft auf den Anschlag, der im April 2011 ein Café in Marrakesch verwüstete und mehrere Menschen tötete. Immer wieder geht es um die Aufstände in der arabischen Welt und um die schwierige wirtschaftliche Lage in Spanien. Das klingt dann zum Beispiel so: „Natürlich war Barcelona anders, hier gab es die Demokratie, aber man spürte, dass all das auf der Kippe stand, dass es nicht viel brauchte, damit sich auch hier im ganzen Land Gewalt und Hass ausbreiteten, dass Frankreich folgen würde und dann Deutschland, dass ganz Europa brennen würde wie die arabische Welt.“

          Das mag Lakhdar durchaus so sehen. Das Problem ist aber, dass er hier Verallgemeinerungen walten lässt, über die er sich an anderer Stelle zu Recht beklagt, etwa als er einmal bemerkt: „Die Einheit der arabischen Welt existierte nur in Europa.“ Außerdem klingen die Exkurse bei ihm immer ein wenig so, als referierte er einen schlecht geschriebenen Leitartikel. Denn der Lakhdar, den die Leser kennenlernen, ist kein Mann, aus dessen Mund sich eine so umfassende Analyse der arabischen und europäischen Probleme besonders glaubwürdig anhört.

          Vielmehr erscheint es daher so, als habe sich der einundvierzigjährige Autor Mathias Énard, der eigentlich ein intimer Kenner der Materie ist, weil er als Arabisch-Dozent an der Universität in Barcelona lehrt und mehrere Jahre in verschiedenen Ländern des Orients gelebt hat, nicht richtig entscheiden können, welche Geschichte er seinem Protagonisten denn nun angedeihen lassen wollte. Sollte es ein Bildungsroman werden, ein Abenteuerroman oder ein Krimi? „Straße der Diebe“ hat von alldem etwas und doch von allem nicht genug.

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