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Mascha Kaléko: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden : Klingt wie Talking Heads, Erich Kästner und Roxy Music

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Bild: Verlag

Feiner Geist: Die Lyrikerin Ann Cotten weilt gerade in Japan. Das hat ihre Lektüre der Gesammelten Werke von Mascha Kaléko beeinflusst.

          Eine Gesamtausgabe Werke und Briefe ist immer ein schreckliches Spektakel. Soweit ich selbst über meine entsprechenden Begegnungen entscheiden kann, scheue ich diese auf einen Schlag so umfangreichen Begegnungen auf Papier: Zuerst ist es zu viel, bestenfalls gerät man in unverhältnismäßige Begeisterung über einen Autor und verzerrt dadurch seine Bedeutung; kurze Zeit später gehen einem der ganze Kleinkram, die ranzigen Seiten jedes Menschenlebens, die naiven und störrischen Einbildungen dieses Individuums auf den Keks.

          Man versteht nun, warum sich viele von ihm abwandten bis hin zur faktischen Geste der Entwertung und Unterbewertung. Die Figur ist dann allzu schnell gestorben, glanzlos, für mich in näherer Zeit ohne Zukunft. Deshalb also ist es ein Prozess, den ich lieber vermeide - ich stürze mich lieber über eine einzelne Erzählung oder Begebenheit in Begeisterung und übe absichtliche Ignoranz, um nicht zum gefürchteten Ereignis zu gelangen, der gefühlten Gesamteinschätzung einer Person.

          Seltsame Koinzidenzen

          Nun erreicht mich die Gesamtausgabe von Mascha Kaléko in einem freiwilligen zweimonatigen Exil in Japan, und mein Eindruck vom Werk steht unter dem Einfluss seltsamer, nichtssagender Koinzidenzen. Es gibt massive altmodische Gepflogenheiten der Japaner, insbesondere abseits der Hauptstadt, die sich wie ein Sprung in die zwanziger Jahre anfühlen: das viele Personal zum Beispiel, mit dem man umgeht wie damals.

          Dann die Fluten von Angestellten, die Glitzerspektakel der Kaufhäuser, meist mit feinerem Geschmack ausgestattet als bei uns, so dass man nicht anders kann, als mit aufrichtigen Kinderaugen zu bewundern, was man sieht, wenn man nachts durch die kalte teure Stadt flaniert. Schlechte Heizungen, grüne Plüschbänke in auberginefarbenen Vorortbahnen, große Mengen geistreicher Hausfrauen und abenteuerlich sportliche Ausreißer, die irgendwie ihren Weg gehen, die müden, brutalen und witzigen Leute, die Frische, die Extreme, das Ausmaß manueller Arbeit und Sorge, kurz: eine gewisse Härte des städtischen Umfelds.

          Sprachrohr des Anderen

          In diese Welt passen die frühen Gedichte Kalékos ganz erstaunlich gut. Es fehlt hier jede revolutionäre Aussicht; die Realistin Kaléko würde die Japaner wohl für verblendet halten. In ihren Texten ist man tapfer und kompetent und motzt kräftig. Eine Angestellte weiß um die erfrischende Wirkung witziger Reime, will Resultate, ja konkrete, fassbare Produkte von Gedichten: Pointen.

          Manchmal geht mir das sehr gegen den Strich. In der Leere nach und zwischen den Gedichten meine ich den rituellen Stoßseufzer zu hören, der bedeutet „So, jenug jequasselt, zurück zur Arbeit“ - resigniert und ganz eingebunden in den beklagten Zusammenhang. Kaléko verwendet ihren Geist, um sich in diesen brutalen Zusammenhängen ein wenig zu Hause zu fühlen. Das ist eine Arbeit, die sie von jenen Dichtern unterscheidet, die sich als Sprachrohr des Anderen, als radikale Gegner des Lebens oder der Unterdrückung verstehen. Auch wenn sie sehr schlechte radikale Gedichte schreiben, blicken sie auf lebenstüchtig gesinnte Kollegen meist mit Verachtung herab.

          Brillanz auf Abruf

          Dagegen wirkt Kalékos Stand wie mitten im Leben, wie eine Provokation, ohne das zum Klischee zu machen. Man kann ihr für diese Tüchtigkeit nicht genug Respekt zollen. Und doch könnte ich manchmal auf sie eindreschen und fragen, ob sie nicht auch das Große Schwarze Zeug kenne, das imstande ist, so einen Vierzeiler zwischen den Kiefern zu zermalmen wie einen Käfer; ob sie denn nie zum Himmel hinaufschaue, und ob, wenn sie zum Himmel hinaufschaue, denn ihre geistreich trappelnden Füße nicht aus dem Takt kommen? Nun ja, das kenne ich, das ist ein Effekt von Pointen, die eintreffen wie Meereswellen: Man wendet sich nach etwa zwanzig Stück etwas anderem zu.

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