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Martina Zöllner: Hundert Frauen : Die verlorene Ehre der Roberta O.

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Bild: Verlag

Tratsch schlägt Kultur, Boulevard das Feuilleton, Bauchgefühl den Geist der Vernunft: Martina Zöllner hat ihre Medienschelte „Hundert Frauen“ als Liebesroman getarnt.

          Ihr Debütroman "Bleibtreu" war vor sechs Jahren ein gefundenes Fressen für die Klatschspalten des deutschen Feuilletons. Martina Zöllner, Fernsehredakteurin beim SWR, hatte darin über eine heimliche Liebe zwischen einer Fernsehjournalistin und einem dreißig Jahre älteren Philosophen geschrieben, in der manche Kritiker eine autobiographische Affäre der Autorin mit Martin Walser zu erkennen glaubten. Der Roman wurde zum Schlüsselroman, zum spekulativen "Gesellschaftsspiel der Biller-Bohlen-Saison", wie die Debütantin in einem Interview bitter feststellte. Bei dem ganzen Gerede, ob, wie und wann Zöllner vielleicht wirklich etwas mit Walser angefangen haben könnte, ging die Diskussion darüber, wie ihr erster Roman geschrieben war, ziemlich unter.

          Die Autorin war über die intime Hetzjagd verständlicherweise geschockt. Ihren neuen, zweiten Roman "Hundert Frauen" kann man nun durchaus als Antwort auf die Ereignisse von damals lesen. Denn auch hier spielt wohl nicht ganz zufällig ein literarischer "Sexskandal" die Hauptrolle, in den die Ich-Erzählerin Roberta Ostertag unfreiwillig gerät. Wie ihre Schöpferin und schon "Bleibtreu"-Vorgängerin Antonia Armbruster ist auch Roberta eine Journalistin mit Schreibambitionen, diesmal allerdings nicht aus dem Kulturressort des Fernsehens, sondern aus den provinziellen Niederungen der Lokalpolitik.

          Befreiung des weiblichen Eros

          Roberta arbeitet als landespolitische Berichterstatterin bei der frei erfundenen Regionalzeitung "Saarbrücker Neueste Nachrichten". Ein prosaischer Job, bei dem sie über langatmige Sitzungen und meist unprominente Hinterbänkler berichten muss. Da die Singlefrau außerdem mit Mitte vierzig "auf ein eigenes Kind verzichtet hatte fürs unterbezahlte Rotieren als Betriebsamkeitsrädchen eines Provinzblattes", verspürt Roberta regelmäßig ein "wehmütiges Ziehen", welches sich auch nicht dadurch lindern lässt, dass sie sich als Aushilfs-Mama mit der alleinerziehenden Zeitungskollegin Luisa den kleinen Jonathan teilt. Roberta möchte mehr: "Wenn schon kein Kind, dann ein Buch." Und so veröffentlicht sie ein "Enthüllungsbuch", im doppelten Wortsinn.

          Roberta bringt eine Interviewsammlung heraus, in der hundert Frauen anonym über Sex reden und dabei nicht wirklich überraschend enttarnen, dass es trotz Emanzipation mit der Befreiung des weiblichen Eros noch immer nicht weit her ist. "In jeder Nachmittagstalkshow wird über Intimstes geredet", fasst die Heldin die Botschaft ihrer Frauengespräche zusammen, "aber eine wirkliche Sprache für alles, was wir körperlich erleben, gibt es doch nicht." Ob das angesichts eines Comebacks traditioneller Rollenmodelle tatsächlich eine originelle Erkenntnis ist, sei einmal dahingestellt. Denn zum eigentlichen Skandal in Zöllners Roman wird die Tatsache, dass kaum ein Journalist mit Roberta über ihr Buch reden will. Stattdessen möchten selbst Reporter vom "Spiegel" und der eigenen Zeitung mit ihr nur über die angebliche Liebesaffäre mit dem verheirateten Bildungs-Staatssekretär Adrian Schwartz sprechen, die der Redakteurin schon bald angehängt wird.

          Zerstörerische Quote

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