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Martina Hefter: Nach den Diskotheken : Sprache, Körper, Tanz

  • -Aktualisiert am
          2 Min.

          Wo ein Rest bleibt in diesen Gedichten, etwas Unklares oder Rätselhaftes, da hat dieser Rest immer etwas Leichtes, Schwebendes, von dem man mitgenommen wird in ein sanftes Kreiseln, wie von Schlaftrunkenheit umflort. „Nach den Diskotheken“, der Titel des ersten Gedichtbandes von Martina Hefter, setzt nicht nur die zeitliche Signatur: die Nacht, die im ersten Teil der Gedichte herrscht. Sondern der Titel setzt auch eine Signatur der Körper, die weich und biegsam und zugleich schwer sind um diese späte Stunde, durchschallt von Musik und müde vom Tanzen. Durchlässig sind diese Körper, die den Gravitationspunkt fast aller Gedichte bilden, und gleichsam empfindsam für das Außen. „Man spürt sich überall gegen den Abend“ lautet der erste Vers des ersten Gedichts, das Spuren eines ausklingenden Sommerfests ausstreut und die Stimmung vorgibt für das, was auf den nächsten Seiten folgt. Auch die Wahrnehmung in diesen Nächten ist - wie die Körper - durchlässig und gleichsam ungemein klar, wie in den Momenten großer Müdigkeit, kurz vor dem Einschlafen, in denen Bilder oder Gedanken für einen kurzen Moment aufblitzen. Nur dass in den Nächten von Martina Hefter keiner schläft. Hier wird getanzt oder gelaufen, um Seen, durch Stoppelgrasufer, an Straßenrändern entlang.

          Unschwer lassen die Gedichte darauf schließen, dass Hefter, die bisher drei Romane veröffentlicht hat, zuletzt 2008 „Die Küsten der Berge“, ausgebildete Tänzerin ist. Mal sind es Tanzbilder selbst: „Ich lade auf, werfe ab, / schnips mit den Fingern, und puff. // Werde ich spüren, dass ich nichts wiege“, mal erhält die Sprache etwas Tänzelndes, etwa wenn die Blicke und Bedeutungen Pirouetten schlagen: „Dreh dich nicht um. Wenn doch, sieh dir / den weißen Tanz nicht an, / was ist umgekehrt ein Schuh?“ Und kurz darauf die fast kokette Frage: „Weißt du es nicht? Du tanzt ja mit.“

          Mit der Helligkeit zieht auch der Witz in die Gedichte ein

          Wenn im zweiten Teil der Gedichte der Tag die Nacht ablöst, sind es doch weiterhin die Körper, die Hefter hin und her biegt, deren Sinnlichkeit und Beweglichkeit sie in die Sinnlichkeit und Beweglichkeit der Sprache überblendet: „Die Straße eine Richtung, von Schritten durchflitzt? / Eher gähnt ein Bewusstsein zum Bus, regennass, / Schwäche fächelnd über den Glanz.“

          Mit der Helligkeit zieht auch der Witz in die Gedichte ein. Im Zyklus „Handbuch der Pomologie“ präsentiert sie eine kleine Apfelkunde samt spielerischen Sentenzen über Einkaufs- und Pflückbedingungen, Druckstellen und braune Ränder: „Granny Smith“, „Crisp Pink“ oder „Gloster“ heißen die Gedichte. Drei andere philosophieren gar unter dem bedeutungsschweren Titel „Aus einem Zimmer, in dem nicht wahrnehmbare Vorgänge kreuzen“ über Begegnungen mit gemeinen Topfpflanzen und brechen dabei alles, was andernorts an Transzendenz aufgeleuchtet sein mag, ins lustvoll Kalauernde hinunter: „Dein Sattsein entzündet jetzt / sanftfarben das Zimmer, du meine Blüte, / sagtest du grad leise ,Nacht', / ,Schmetterling', sagtest du ,Dünger'?“

          „Tanzende denken kein Denken“

          Und unversehens, im Zyklus „Vierschanzengedichte“ bekommt die geborene Allgäuerin regelrecht etwas sprudelnd Plauderiges: „Schieber-, Pudel- / Woll-, als solche überlieferte Mützen, / über Stirnen schräg, schief / knapp sitzende, die Stirn, das dahinter / Gedachte verkappende Mützen, / nur am Rand der Veranstaltung / von Belang. // Gott behüte uns vor diesen Mützen.“ Denn die Mützen freilich sind das Ungeformte, das Tumbe, das so gar nicht passt zu den gespannten Körpern der Skispringer, die durch die weiße Landschaft fliegen. Von diesen Körpern, mal hingebogen wie Rosen, mal in konzentrierter Spannung, mal sich der Geschwindigkeit hingebend, erzählen die Gedichte.

          Dass frühere Völker versucht hätten, sich den Sternkonstellationen und auf diese Weise der Welt durch Tänze ähnlich zu machen, schreibt Walter Benjamin über das mimetische Vermögen, einen grundmenschlichen Reflex, den in heutiger Zeit die Sprache übernommen habe. Hefter schreibt: „Tanzende denken kein Denken.“ Und doch ist es genau das, was sie in ihren Gedichten macht: Sie lotet die Ähnlichkeiten von Körper und Sprache, von Tanzen und Denken aus, lässt die Körper denken und das Sprechen tanzen und lässt im Sprechen über die Körper ein diffuses Wissen von etwas aufblitzen - der Welt womöglich -, das im nächsten Moment schon wieder davongekreiselt ist.

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