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Der neue Walser : Systemsprenger möchte man diese Sirte nennen

Albernes, Absurdes und Erhabenstes, alles ist da: Vermutlich braucht man einen sehr alten Menschen, um daraus etwas zu machen. Bild: Mads Nissen/laif

Martin Walsers neues Buch „Mädchenleben“ widmet sich einem Stoff, über den der Schriftsteller schon 1961 nachdachte. Nun wurde daraus eine Legende.

          3 Min.

          Mädchen, mehr oder weniger anonym, bevölkern gern den Hintergrund von Martin Walsers Romanen. Sie bedienen im Café, sie arbeiten in Vorzimmern. Man sieht sie stehen oder sitzen, an einem Baum lehnen, unter der Hitze leiden. Ihr Tätigsein ist nicht nur praktisch; sie bilden eine Umwelt des Wohlbefindens für Walsers männliche Protagonisten: einen angenehmen Möglichkeitshorizont. Manchmal hebt sich eine aus diesem Kollektiv heraus und erhält einen Namen. Tatsächlich sind sie meist keine Mädchen, sondern junge Frauen um Anfang zwanzig. 1961 aber wird ein Stoff mit dem Arbeitstitel „Mädchenleben“ noch einmal herausvergrößert, er tritt zeitweise in den Vordergrund von Walsers Tagebuchaufzeichnungen, nun geht es wirklich um eine Minderjährige. Eine Geschichte kommt in Gang oder besser gesagt: Einige weit auseinanderlaufende Tendenzen einer möglichen Geschichte werden skizziert.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die erste Notiz zu dem Komplex „Mädchenleben“ lautet lakonisch: „Das verschwundene Kind“. Warum aber verschwunden? Eine der Erklärungen, die der Erzähler erwägt: Sie hatte abgetrieben werden sollen, ihr Verschwinden ermöglicht ihren Eltern die Trennung. Oder wurde sie zum Verschwinden gebracht? „Der alte Pfarrer versuchte 1939 ein Mädchen seligzusprechen, jenes jüdisch-katholische Mädchen, das verschwunden war, nachdem es die Misshandlung seines Vaters angesehen hatte.“ Und wie redet oder quasselt man über Verschwundene? „Auf und davon. Vom Fleck weg. Abhanden gekommen. Verloren. Auf Nimmerwiedersehen. Zum Teufel gegangen. Ab damit.“ Gelegentlich spielt in die Notizen das Wort „heilig“ hinein, und schon damals hieß es: „Je länger er nachforscht, desto deutlicher sieht er, dass die gesellschaftskritische Einordnung keine genügende Erklärung ergibt.“

          Eine sehr eigensinnige Heilige

          Legenden nennt man die Geschichten von Heiligen, im Gegensatz zu den Sagen, die meist von Helden erzählen. Und so geht es in der neuen, geformteren Fassung des Stoffes um Gott, um die Liebe Gottes und zu Gott, um Jesus und eine angepeilte Heiligsprechung. Mehr als Irdisches macht sich geltend. Das Mädchen ist aber eine eigensinnige Heilige, ein trotziges Kind (Goethe schrieb einmal eine Studie über Philippo Neri, den „humoristischen Heiligen“). In den Notizen von 1961 überwog der Zeithorizont, jetzt ahnt man die Ewigkeit. Eigensinnig ist das Mädchen schon im Namen, den sie nicht von ihren Eltern erhalten, sondern sich selbst gegeben hat: Sirte. Vieles verweigert sie, anderes tut sie, dem man seinen Sinn nicht ansieht. „Systemsprenger“ möchte man sie nennen, nach dem gerade so erfolgreichen Film. Sie ist frech, wie heutige Mädchen es sein können und wie sie es 1961 noch nicht waren. Wenn die Mutter damals sagte: „Das glaube ich dir nicht“, konnte man nicht antworten: „Dein Pech.“

          Martin Walser: „Mädchenleben oder Die Heiligsprechung“. Legende. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 96 S., geb., 20,– €.

          Nach konventionellen Maßstäben ist Sirte also alles andere als ein guter Mensch: „Sie hat Freundinnen verraten, geschlagen und geliebt und ihnen alles geschenkt. (Sie war wie eine Erwachsene also.)“ In dieser Formulierung aus den Notizen möchte man ein Muster erkennen. Denn die Choreographie von Feind-Freundschaften ist Walsers eigenste Bewegungsform geblieben, literarisch Hunderte von Malen durchgespielt, im Leben mindestens ein Dutzend Mal. Die Namen und Adressen kann man hier für jedes Jahrzehnt neu einsetzen, am Gefüge ändert sich wenig.

          „Sooft aber ich frage, wird mir zur Antwort, dass ich das Ähnliche liebe.“ Walser hat sich in dieses Mädchen verliebt. Die Liebe ist es, die seinen Stoff belebt. Von der Liebe liest man gern, selbst von einer so unwahrscheinlichen (und nicht hundertprozentig unschuldigen), wie sie zwischen dem Erzähler, dem Schullehrer Anton Schweiger, und Sirte vibriert. Für kurze Zeit war er in Verdacht geraten, mit ihrem Verschwinden etwas zu tun zu haben. „Zu gestehen habe ich, dass ich nach diesem Mädchen eine Sehnsucht habe wie nach nichts sonst. Wenn ich sie nicht mehr sehe, nicht mehr finde, hat das Leben für mich keinen Sinn mehr. Wenn die Welt nicht so ist, dass sie darin leben kann, dann ist diese Welt unbewohnbar für mich.“ Von ihr geht ein Leuchten aus, das nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint. Sie singt viel, auch weint sie auf eine besondere Weise.

          Das Außergewöhnliche verlangt nach Erklärung. Krankheitsdiagnosen werden erwogen, ein Zahnarzt glaubt, alles komme von einem falsch behandelten Schneidezahn. Oder ist es die Tollwut, nach dem Biss eines Dackels? „Schizophrene Psychose“ lautet eine weitere Vermutung. Sirtes Vater möchte aber, dass sie heiliggesprochen wird. Manches ist ihr gelungen, das über menschliches Begreifen hinausgeht; ihrem Raben Chlodrian konnte sie beibringen, das Kirchenlied „Großer Gott, wir loben dich“ fehlerlos herzusagen. Aber ein Wunder, wie es zur Heiligsprechung verlangt wird (auch das Martyrium wäre als Begründung möglich), ist das nicht, eher etwas für eine Supertalent-Fernsehshow.

          Das Martyrium kommt, auf echte Walser-Weise. Sein erster großer Erfolg war der 1957 erschienene Roman „Ehen in Philippsburg“ gewesen. In der Legende nun gibt es ein prolliges Ehepaar namens Proll. Ludwig, der Mann, ist Alkoholiker; täglich schlägt er seine Frau Lisa. Eines Tages hört er mit dem Trinken und Schlagen auf. Sirte hatte die Rolle der Ehefrau übernommen und sich schlagen lassen – bis Proll von dem freiwilligen Opfer überwältigt wurde: „Diese Sirte Zürn sei in ihm spürbar geworden als eine bis dahin unbekannte Kraft.“ Also ein Wunder! Das Heilige, die Ehe, ein Mädchen, ein anmutiger Hals, ein Martyrium, Albernes, Absurdes und Erhabenstes, alles ist da. Es gut zu mischen ist die Kunst und das Vorrecht sehr alter Menschen.

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