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Martin Walser: Ein liebender Mann : Augenkraft, die nichts verbergen kann

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Im hohen Alter macht Goethe noch eine Erfahrung, die ihm stets erspart geblieben war: Lieben, ohne geliebt zu werden. Martin Walser schenkt Goethe einen Roman als Wiedergutmachung. Das sensibel inszeniertes Blickfeuer legitimiert seine Liebe zur jugendlichen Ulrike.

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          Der Umstand, dass Männer gern die erste Liebe einer Frau und Frauen die letzte große Liebe eines Mannes sein wollen, hat schon zu vielen Tragödien geführt, im Leben wie in der Literatur. Cervantes, Italo Svevo und Nabokov haben uns Lieben mit Altersgefälle vorgeführt, gerade hat Philip Roth in „Exit Ghost“ eindringlich gezeigt, wie eine junge Frau mit dem Anbranden verzweifelter Hoffnung umzugehen versteht, und auch Martin Walser hat die berauschende Wirkung unbekümmert junger Weiblichkeit auf ältere Herren schon einige Male untersucht. Dass sich erfolgreiche Männer mit jungen Frauen belohnen, ist allenthalben zu beobachten: ein ewiges Phänomen der Natur, ein großes Thema der Gegenwart. Goethe war dank lebhafter Praxis mit Marianne von Willemer, Sylvie von Ziegesar, Bettina Brentano und nicht zuletzt seiner Frau Christiane Experte, was den Umgang mit junger Muse angeht, und begegnete dem Problem im „Mann von fünfzig Jahren“ tragikomisch-offensiv. Doch erst jetzt, zweihundert Jahre später, erfährt er am eigenen Leib, was er damals angerichtet hat: „Du hast noch nie, nie, nie gelitten. Bis jetzt waren es immer die anderen, die gelitten haben.“ Ausgerechnet Martin Walser schenkt seinem „Literaturheiligen“ Goethe einen Roman als Wiedergutmachung: „Ein Roman, den ihm keiner und keine streitig machen konnte. Ein Roman, der Ulrike und ihn legitimierte. Nicht nur in Weimar. In der Welt. Der Titel stand sofort auf dem Blatt: Ein liebender Mann“.

          „Ein liebender Mann“, den wir von heute an im Feuilleton abdrucken, ist trotz seines Helden kein Goethe-, sondern ein Walser-Roman geworden, der zarteste, unerbittlichste und versöhnlichste, den er geschrieben hat. Zugleich ist es der Triumphzug einer Wahlverwandtschaft, denn so, wie Goethe sich in seiner „Marienbader Elegie“ schonungslos Rechenschaft ablegt über seine Liebe zu Ulrike von Levetzow, befragt sich hier auch Walser, getreu seinem früheren Bekenntnis, jedes seiner Bücher sei für ihn „eine Art Schaufel, mit der ich mich selbst umgrabe“. Sommer des Jahres 1823. Goethe, den besorgte Weimarer Zeitgenossen noch im Februar des Jahres dem Tod nahe gesehen hatten, ist nach Marienbad gereist, wo er, wie schon in den Jahren zuvor, auch auf Amalie von Levetzow und ihre Töchter trifft. Doch diesmal steht ihm der Sinn weniger nach der ansehnlichen und geistreichen Gesellschaft des ganzen Quartetts als ausschließlich und umfassend nach jener der Ältesten, Ulrike. Bestürzt, berückt, erfährt er die Wirkung der einzigen Waffe, die erlaubt ist: Amors Pfeil.

          Goethe in love

          Walser erzählt diese Liebesgeschichte als ein Blickfeuer, das mit dem ersten Satz Glut erzeugt: „Als er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen.“ Und fährt fort, uns den darauf folgenden Flirt als den eines Paares auf Augenhöhe zu schildern. Ulrikes „steter Blick“ bleibt in seinem und verwandelt ihn, den Mineraliensucher, in einen Augenforscher. Da wird geschaut, dass einem die Augen übergehen: „Jetzt Ulrikes Augenkraft. Diese nichts verbergen könnenden Augen . . . Für ihn waren es erzählerische Augen.“ Überhaupt ist diese Ulrike ein fabelschönes Wesen: hübsch, aber nicht gekünstelt; geistreich mit einem Stick ins Kecke, aber nicht vorlaut; kokett, aber nicht eitel. Mit ihren neunzehn Jahren hat sie nichts Kindliches mehr an sich, sondern erscheint nicht nur Walsers Goethe, sondern auch dem Leser als selbstbewusste, im Urteil erstaunlich unabhängige junge Frau, die sich nicht an die eheerfahrene schöne Mutter hält, als der große Dichter ihr seine Zuneigung immer unverhohlener zeigt. Im Gegenteil: Das nur für die tuschelnden Außenstehenden so ungleiche Paar genießt es, sich miteinander zu zeigen. Jeder für den anderen eine Trophäe, sie bei ihm untergehakt, promenieren sie stundenlang. Doch so glänzend Walser dieses Porträt einer bemerkenswerten jungen Frau auch gelungen ist - Goethe ist es, den er sich anverwandelt.

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