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Martin Walser: Die Inszenierung : Niemals schien der Graben zwischen Männern und Frauen tiefer

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Bild: Rowohlt

Alle Paare sind verloren: Martin Walser hat einen mit allen Wassern gewaschenen Theaterroman geschrieben. „Die Inszenierung“ ist eine traurige Komödie über einen Mann, der zwei Frauen liebt.

          Theologie ist jetzt nicht dran. Dafür Theater, Tschechow, antike Philosophie, Platon, direkte Rede, Dialog, Monolog, Briefe, Schein, Sein, Welt, Bühne. Martin Walsers heute erscheinender Roman „Die Inszenierung“ steckt voller Überraschungen. Er ist ein mit allen Wassern gewaschener Theaterroman, ein wunderbar verzweigtes literarisches Spiegelkabinett - und ist doch vertraut: Im Zentrum steht ein Mann, der zwei Frauen liebt. Doch wie er das tut, ist von unerhörter sprachlicher Musikalität.

          Die titelgebende Inszenierung findet statt in einem Krankenhaus, das Krankenzimmer ist die Bühne, der Drahtzieher des Stücks ist der Regisseur Augustus Baum, zusammengebrochen während der Proben zu Tschechows Komödie „Die Möwe“. Aber schon singt und jubiliert er wieder. Denn er ist verliebt. In Ute, die er Marie nennt, seine Nachtschwester. Wer tauft, ist schon der Schöpfer eines Stücks. Und was Augustus Baum aufführt, ist kein Regie-, sondern ein Liebestheater mit den Mitteln der Literatur.

          Walser liebt die Huldigung

          Schein, Sein, Kunst, Leben, bei Martin Walser geht eins ins andere über, wieder einmal ist nichts ohne sein Gegenteil wahr. Und klugerweise tut er gar nicht so, als sei diese Durchlässigkeit irgendwie neu. Walser liebt es, den Großen zu huldigen. Dieses Mal heißt sein Meister Anton Tschechow. Das Meisterstück „Die Möwe“.

          Schon dort schreibt Trigorin, der Dichter, wie jetzt Augustus, mal eben einen gerade gehörten Satz ins Notizbuch zur literarischen Verwendung. Da werden Zitate zur Verständigung benutzt, das Spielen von Szenen dient zur realen Annäherung und umgekehrt. „Die beiden sind ineinander verliebt, und heute werden ihre Seelen verschmelzen im gemeinsamen Kunstwerk“, heißt es 1895 und passt auch für 2013. Die Welt sei eine Bühne, eine Inszenierung, sagt Augustus mit Shakespeare.

          Aber wer zieht die Strippen? Der Regisseur, der selbst die Rolle des Regisseurs spielt? Steht er auf oder neben der Bühne? Im Roman gibt es zwei Wege, das zu klären: den romantischen und den vernünftigen, das sich überbietende Spiel oder die eindeutige Entscheidung. Dahinter steckt eine Machtfrage. Wie fast jeder Walser-Held ist Augustus verheiratet. Seine Ehefrau heißt Gerda und ist Psychologin. Sie kennt ihren Augustus, dessen Lieblingszahl die Drei ist. Sein Traum: Augustus, Ute-Marie UND Gerda. Offen, ohne Betrug. Die Trinität der Liebe. Aber Gerdas neues Buch heißt „Abhängigkeit, Wahn, Wirklichkeit“, ein Kapitel: Schweigen und Verschweigen, ein anderes: Verheimlichung und Geheimhaltung.

          Parallelen zu Tschechows „Möwe“

          In Walsers Roman sind die Männer die Romantiker, die Risikospieler. Sie besingen Frauen, trällern Liebesarien. Der Walser-Mann liebt nicht nur zwei Frauen zugleich, sondern glaubt, sie wären darüber entzückt. „Ich liebe mehr, als ich je lieben könnte. Ich liebe dich, und ich liebe die Nachtschwester. Das ist ein Gefühl ... der Umarmungsstärke.“ Frauen dagegen sorgen für Ordnung. Nur aus der Perspektive der Männer scheinen sie Heilige und Hure, fürs Frühstück sorgende Ehefrau und liebestolle Nachtschwester. In Wirklichkeit sind sie allesamt zurechnungsfähig. Niemals scheint der Graben zwischen Männern und Frauen bei Martin Walser tiefer als im neuen Buch.

          In Tschechows „Möwe“ gibt es eine ähnliche Konstellation. Die fragile Nachwuchsschauspielerin Nina verliebt sich in den erfolgreichen Dichter Trigorin, der mit dem alternden Bühnenstar Irina Arkadina verbandelt ist. Trigorin fordert von Arkadina sein Unabhängigkeit zurück, um für Nina frei zu sein. Doch vor der ganzen „Gestik der besitzergreifenden, machtausübenden Verzweiflung“ der Verlassenen kapituliert er. Er unterwirft sich. Und daran wird auch die anschließende Affäre mit Nina nichts ändern. Arkadina hält die Fäden in der Hand. In einer unwiderstehlichen Analyse dieser Szene spannt Augustus Tschechow für seine Zwecke ein. Betrug verödet die Liebe. Arme Männer.

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