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Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel : Vom Wagnis, einen Brief zu schreiben

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Abenteuerlich: Martin Walsers Roman „Das dreizehnte Kapitel“ huldigt einer Kommunikationsform, die das Unmögliche möglich macht.

          4 Min.

          Oft hat man inzwischen schon den Vorwurf gehört, Martin Walser schreibe nur noch „Altherrenliteratur“. An seinem Roman „Ein liebender Mann“ über die Beziehung des greisen Goethe zur neunzehnjährigen Ulrike von Levetzow schieden sich deshalb die Geister - wie auch zuvor schon an seinem Buch „Angstblüte“, dessen betagter Held eine halb so alte Frau verehrte und das gar als „Busenschlamassel“ gerügt wurde. Auch das Sujet von Walsers neuem Roman „Das dreizehnte Kapitel“ scheint solcherlei Befürchtungen zunächst zu bestätigen: Ein älterer verheirateter Schriftsteller verliebt sich darin in eine jüngere verheiratete Frau, eine Theologieprofessorin noch dazu - nicht unbedingt ein Stoff für Teenager. Oder für Menschen unter fünfzig.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Was hat ein Martin Walser der Generation Twitter noch zu sagen? Die Antwort ist: sehr viel, und sie liegt paradoxerweise in einem Thema begründet, das für diese Generation noch viel antiquierter wirken muss als die Liebesdinge älterer Menschen. Es geht, so sei behauptet, in diesem Roman nämlich nur zweitrangig um die Figuren. Es geht vor allem ums Briefeschreiben. Um Handschrift, um Tinte, um Papier. Es geht um eine Kommunikationsform, in der das Unmögliche möglich wird.

          Der Schriftsteller als Briefeschreiber

          Diese Erfahrung illustriert Walser anhand einer Ausgangssituation, die zunächst ausweglos erscheint: Der Schriftsteller entdeckt die besagte Frau bei einem förmlichen Abendessen, es ist sogar ein Empfang beim Bundespräsidenten, und ist sogleich von dieser fasziniert. Sie dagegen nimmt ihn überhaupt nicht wahr: „Sie demonstrierte mir nichts als meine Nichtanwesenheit“, schreibt der verstört Hingerissene - jeder weiß: Da man kann nichts machen. Der Schriftsteller ist sich schon im Gehen gewiss: „Ich werde diese Frau nicht mehr sehen.“ Dann jedoch fasst er den Entschluss, ihr zu schreiben - und dieses Schreiben wird sein Leben verändern.

          Der Schriftsteller als Briefeschreiber geht gleich in die Vollen. Er dichtet seine Verehrung, lobt die Frau, die er gar nicht kennt, für „raffinierteste Einfalt“ wie auch „unschuldigste Durchtriebenheit“ und erzählt zugleich Intimstes aus seiner Ehe. Er gibt sich preis. Und erhält von der zuvor so Abweisenden tatsächlich eine Reaktion: Die Frau antwortet, ohne recht zu wissen, warum - und auch sie gibt sich preis. Über ihre Antwort ist er wiederum so glücklich, dass er ihr schreibt: „Ihr Brief ist eine Wiese. Ich habe auf dieser Wiese gegrast. Tag und Nacht.“ Sie darauf: „Ich habe übrigens nichts dagegen, dass sich unser Briefwechsel zu einem Geständnis-Wettbewerb entwickelt.“ Und er gesteht dann: „Ich bin ein anderer, und das durch Sie.“Diese beiden Menschen kommen sozusagen von null auf hundert durch das Wagnis des Briefs.

          Zwischen Theologie und Hirnforschung

          Was sich zwischen ihnen entwickelt, erkennen sie bald als „Verrat“ an ihren Ehegatten - und doch spielen auch diese Partner im Roman eine wichtige Rolle. Es wird sogar über ein Treffen zu viert phantasiert. Doch die Situation von Walsers modernem Klassiker über das Aufeinandertreffen zweier Paare, seinem Buch „Ein fliehendes Pferd“, sie bleibt hier ein reines Kopfspiel.

          Damit ist noch nichts gesagt über weitere Dimensionen dieses vielschichtigen Romans, dessen Konzeption als Spiegelung eines Briefwechsels zwischen dem Theologen Karl Barth und Charlotte von Kirschbaum angelegt ist. Es ist auch ein Campus- und Wissenschaftsroman zwischen Theologie und Hirnforschung, eng an die Realität gebunden durch zahlreiche Namen und Orte, während die sprechenden Namen seiner Figuren märchenhaft klingen: Basil Schlupp und Maja Schneilin. Und es ist schließlich auch ein mehrfacher Künstlerroman mit der Anlage zur Metafiktion: Denn Basil Schlupp hat ein Buch namens „Strandhafer“ geschrieben, das ironische Assoziationen zu Walsers Bodensee-Büchern weckt, und auch Frau Schlupp schreibt im Buch an einem Buch, von dem sich Walsers Roman schließlich den Titel „Das dreizehnte Kapitel“ leiht.

          „Von meinem iPhone gesendet“

          Eine überraschende Wendung nimmt dieser Roman, als der Ehemann der Theologin plötzlich krank wird und die beiden zu einer Reise an den Yukon aufbrechen, die vielleicht ihre letzte gemeinsame sein könnte. Nicht nur dadurch wird der Kontakt zwischen Basil Schlupp und Maja Schneilin stark gefährdet - er steht ohnehin immer auf der Kippe, weil er so schonungslos ist.

          Mit zunehmender Dramatik und häufigen Ortswechseln des Personals - und vielleicht auch als Tribut des Autors an die junge Generation - werden schließlich aus den Tintenbriefen elektronische, die mit der Information „Von meinem iPhone gesendet“ enden. Aber es bleiben dennoch Briefe, formvollendet und mit immer kühnerer Signatur: Er unterschreibt mit „Dein von Dir Lebender“, sie mit „die Gelieferte“.

          Intellektuelle Sprachartistik

          Wie immer bei Walser ist der Ton auch hier elegisch, also geprägt von der vermischten Empfindung. In den Briefen wird Hohes und Tiefes, alltäglich Banales und spitzfindig Metaphysisches unmittelbar nebeneinandergestellt, auch dialektisch ausgespielt: Neben ihren erstaunlich offenen emotionalen Bekenntnissen und einer deutlichen Bereitschaft zum intellektuellen Wettstreit offenbaren beide Briefschreiber, Mann und Frau, auch Neigungen zur leicht hämischen Stichelei. So schreibt etwa die Theologin in einem Rausch von sprachlicher Ersatzbefriedigung: „Bis dahin tun wir’s, Sie und ich, proludisch und promissorisch und propudistisch und prognostisch und profund! Und, bitte, propurgistisch!“ Wo man sich derart abgedreht unterhält, kann in anderer Hinsicht Entwarnung gegeben werden: Es geht in diesem neuen Walser-Roman für einmal nicht um nachlassende Körperfunktionen, eher um Probleme in Karl Barths Römerbriefkommentar.

          Man muss diese intellektuelle Sprachartistik nicht bis zum letzten Schraubendreh goutieren. Sie mindert aber nicht die Faszination daran, dass hier aus dem Nichts, allein durch die Kraft der Worte, eine menschliche Beziehung ins Leben gehoben wird, die das Wunder der Liebe in Gedanken verwirklicht.

          Hoffnung auf gelingende Kommunikation

          Das größte Wunder steht allerdings schon am Anfang des Buches: Es besteht darin, dass die Adressatin eines vielfach grenzüberschreitenden Briefes auf diesen tatsächlich antwortet, dass es also überhaupt erstmal irgendwie beginnt mit diesen beiden Menschen und dann auch weitergeht. Das ist das Wunder der Fiktion, welches in der Wirklichkeit ganz und gar nicht garantiert ist.

          Aber Martin Walsers Buch macht nicht nur Hoffnung auf gelingende Kommunikation, sondern es gibt ganz konkrete Anschauung davon, wie das scheinbar Unaussprechliche im Brief mühelos Gestalt annimmt, ja kühne Sprünge macht. Dann ist es als Wort in der Welt, und es kann etwas anrichten: Briefeschreiben ist geradezu „abenteuerlich“, wie es einmal heißt, und dann gleich darauf im schönsten Satz des Romans: „Ich weiß nie, wohin ein Brief mich bringt.“

          Wenn man heute gern über die Folgenlosigkeit der Literatur redet, so kann man sagen: Wer dieses Buch liest, für den kann es eigentlich kaum folgenlos bleiben: Es ist eine echte Anstiftung dazu, das Wagnis des Briefes einzugehen - gerade da, wo alle andere Kommunikation am Ende ist, vor die Wand gefahren, lange tot. Und dann demütig darauf zu warten, dass jemand anderes dieses Wagnis auch eingeht.

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